„Ich will die Universitätslandschaft revolutionieren. Nicht nur in Amerika, sondern weltweit. …und damit werden wir Geschichte schreiben.“ … In fünf Jahren „wollen wir die größte und beste Universität der Welt sein. Nicht im restriktiven Sinn von Harvard oder Stanford. Sondern im Sinne von Ikea“.1

So der in Deutschland geborene Sebastian Thrun, Gründer der Online-University Udacity. Udacity bietet das an, was Google, Facebook, Amazon und andere Tech-Firmen aktuell nachfragen: Programmierkurse, Angebote in Künstlicher Intelligenz, Robotik u.a. Das didaktische Konzept von Udacity hört sich fortschrittlich an, denn manche deutsche Hochschulen sind beim dozentenzentrierten Frontalunterricht stehengeblieben. Udacity setzt auf Online-Vorlesungen und ein Projektstudium über Internet.

Das Humboldtsche Bildungsideal ist den Udacity-Gründern fremd. Für sie zählt informatisches Spezialwissen. Es ist die von allem „Bildungsmüll entschlackte Ikea-Hochschule“.

Diese Vision möchte der ehemaligne SAP-Vorstandsvorsitzenden Henning Kagermann nicht auf Schulen und Hochschulen in Europa übertragen wissen: „Es geht gar nicht so sehr darum, Programmieren zu lernen, sondern ein Grundverständnis für die Logik des Programmierens, die Vielfalt der Anwendungsgebiete und die Tiefe der digitalen Transformation zu bekommen“.

Verbreiteter ist die Auffassung, dass das Erlernen einer Programmiersprache Priorität haben müsse, um für die digitale Transformation gewappnet zu sein. Flankiert werden solle das durch eine rasche hard- und softwaretechnische Aufrüstung der Schulen und Hochschulen. Die Journalistin Susanne Klein nennt das „digitales Geräteturnen“.

Selbstverständlich müssen Schule und Hochschule informatische Konzepte lehren, wobei allerdings heute Teile des digitalen Handwerkszeuges bereits von Schülern mitgebracht werden. Ausbildung und Bildung sollten Einblick vermitteln in algorithmische und Konzepte der Künstlichen Intelligenz. Es ist grundlegend zu verstehen, was Programmierer tun, wenn sie Arbeitsaufgaben aus dem Kontext herauslösen, formalisieren, in einen Algorithmus bringen und anschließend die veränderte Form in den Arbeitskontext zurückführen. Schule und Hochschule sind zuallererst Institutionen der Aufklärung, die Orientierung fürs Leben geben sollen und das heißt aktuell auch, die „Invasion des Digitalen“ zu verstehen.

 

Das Konzept mikropolis.org

Die Plattform mikropolis.org unterscheidet sich vom Udacity- wie von traditionellen pädagogischen Konzepten. Im Fokus stehen zwei Fragen:

  • Welches didaktische Konzept bietet sich für Schüler, Schülerinnen und Studierende an, um die „Invasion des Digitalen“ zu vermitteln und
  • Welche Inhalte und Kompetenzen sollten Schulen und Universitaten ihnen vermitteln, um in der digitalen Gesellschaft zu bestehen?

 

Das didaktische Konzept

Die Digitalisierung macht neue didaktische Ansätze möglich. Überfüllte Hörsäle und häufig monotone Seminare, ebenso wie langweilige Unterrichtsstunden stehen im Kontrast zu Schülerinnen und Studierenden, die in der Freizeit gemeinsam an Themen mit Unterstützung von Web-Werkzeugen arbeiten und längst ihre Arbeitsergebnisse über soziale Netzwerke austauschen.

Das traditionelle Katherlernen durch einen Instruktor steht heute im Gegensatz zur Lebensrealität der Studierenden. Sie ist geprägt durch Informationsvermittlung und Kommunikation über das Web, das Texte, Bilder, Videos und Multimedia-Inhalte über Blogs, Wikis, Podcasts und soziale Medien möglich macht und zum Austausch sowie zum interaktiven Lernen anregt.

Die Digitalisierung erlaubt die Umsetzung fortschrittlicher didaktischer Ansätze. Das neue Lernen kann mit Unterstützung von Web 2.0-Angeboten handlungs- und produktionsorientiert organisiert werden. Die Grenzverschiebung besteht in der Beteiligung der Nutzer bzw. Lerner an der Erstellung und Gestaltung der Inhalte. Damit verwischt sich die Grenze zwischen Autor und Lerner. Überall kann jetzt gelernt, gelehrt sowie privat oder beruflich kommuniziert werden. Lernräume werden grenzenlos und sind grenzenlos vernetzt.

Konkret sollen sich kleine Projekte von drei bis vier Teilnehmern bilden, die wahlweise entweder die Chancen und Risiken der Digitalisierung an einem selbst gewählten Thema analysieren oder eine Gestaltungs-Idee entwickeln. Beide Formen sollen in einem Video, einer Audio-Folien-Ausarbeitung oder in einer sonstigen kreativen Form umgesetzt werden.

Das sollte nicht wie üblich, gleich im ersten Schritt in die Einbahnstraße des Start-up-Denkens und zur Gründung von Geschäftsmodellen führen. Bedürfnisse und Alltagsprobleme der Bürger sollten im Vordergrund stehen. Wenn im zweiten Schritt daraus ein Geschäftsmodell wird, umso besser.

 

Inhalte und Kompetenzen: Die Digitalisierung verstehen und mitgestalten

Google & Co. haben mittlerweile mit ihren Produkten und Geschäftsmodellen aus dem Netz Spinnennetze gemacht, sie beherrschen weltweit die digitale Transformation. All das geschah in großer Geschwindigkeit, in kaum zwei Jahrzehnten. Weder gesellschaftliche Debatten noch staatliche Regulierungen können bislang damit Schritt halten.

Durch die Projektarbeit soll erreicht werden, dass Schülerinnen, Schüler und Studierende

  • die digitale Transformation besser verstehen

  • und den digitalen Prozess mitgestalten.

 

Was heißt, die Digitalisierung besser verstehen?

Ein Projekt könnte sich beispielsweise mit der Digitalisierung des Buchhandels oder der Musikindustrie beschäftigen, um so exemplarisch einen wesentlichen Baustein der Digitalisierung zu verstehen. Die Projektteilnehmer analysieren gemeinsam vorzufindende Strategien und Ansätze, erarbeiten, wie sich Buchhandel bzw. Musikindustrie bis zur Digitalisierung historisch entwickelt haben und setzen dies mit ihren Chancen und Risiken beispielsweise in einem kurzen Video um.

Das Video „Selbstfahrende Autos“ zeigt in unserer Plattform mikropolis.org wie im Idealfall eine Projektarbeit aussehen könnte.

Die Arbeit „Wozu noch Bargeld – Blockchain und Fintech vs. Banken und Sparkassen“ ist ein gelungenes Beispiel für eine Audio-Folien-Ausarbeitung.

 

Was heißt mitgestalten?

Den Rahmen könnten Themen wie Klima, Energie, Arbeit, Bildung, Datenschutz bilden. Was könnte die Gesellschaft und ihre Bürger mit den Mitteln der Digitalisierung weiterbringen? Was könnte ihnen im Alltag und in der Arbeit, in der Kindererziehung, beim Sport, bei der Altenpflege helfen?

 

Die Architektur der Plattform mikropolis.org 

Die „Sammelstelle“ für Projektarbeiten ist das Portal mikropolis.org. Gelungene Arbeiten werden dort eingestellt. Nach und nach wird so ein Archiv zur digitalen Transformation entstehen Es steht allen Projektteilnehmern , zur Verfügung, auch um Anleitung und einen Leitfaden für ihr Projekt zu haben (siehe Abbildung).

Das Archiv enthält auch eine kompakte, in 16 überschaubaren Portionen gestaltete Videovorlesung über die Bausteine der digitalen Transformation, die im Sommersemester 2017 im Fachbereich Informatik der Universität Hamburg aufgezeichnet wurde. Formal bietet sich für das Archiv ein YouTube-Channel an. In der Rubrik Texte zur Digitalisierung, finden sich lesenswerte Arbeiten, die von Studierenden und Dozenten verfasst wurden.

Die vorliegende Plattform mit ihrem softwaregestützten Lernszenario wurde von Studierenden im Fachbereich Informatik der Universität Hamburg entwickelt.

 

Zusammengefasst: mikropolis.org geht weg vom Katherlernen. Der konstruktivistische didaktische Ansatz übergibt einen Teil der Verantwortung an die Schülerinnen, Schüler bzw. Studierenden und fordert sie zu eigenverantwortlicher Produktion zum Thema „Invasion des Digitalen verstehen“ in Projekten auf.

 

1„Ich will die Unilandschaft revolutionieren“, Interview mit Sebastian Thrun, faz-online 11.01.2015