Die Uber/Aibnb & Co.- Strategie

Ansichtssache Nr. 15 von Arno Rolf

Unter dem Label Sharing Economy schwappt die digitale Plattform-Ökonomie kalifornischer Machart nach Deutschland. Ihr Kern, aus dem sich eine Vielzahl neuer Geschäftsmodelle entwickeln können: Zwischen Konsumenten und vielen Anbietern der „Old Economy“, die bislang die Welt der Produkte und Dienstleistungen beherrschten, schiebt sich eine Internet-Vermittlungsplattform, mit „disruptiven“ Folgen für die analoge Ökonomie.

Bekannt geworden ist diese Innovation unter anderem durch den Fahrdienst UberPop, der private Fahrer mit ihren PKW an beförderungswillige Kunden vermittelt, sowie Airbnb, über den private Unterkünfte gemietet werden können.

UberPop erkämpft sich seinen Wettbewerbsvorteil gegenüber Taxifahrern, indem er seine Nebenbei-Fahrer ohne Versicherungsschutz der Fahrgäste, ohne Personenbeförderungsschein und Gesundheitszeugnis fahren lässt, bei bis zu 20 Prozent Vermittlungsgebühr für UberPop. In der Konsequenz will UberPop gleich beide, Taxizentralen wie Taxifahrer, „wegrationalisieren“. In San Francisco ist ihm das schon fast gelungen: Die lokale Taxivereinigung meldet einen Rückgang der Taxifahrten von mehr als zwei Dritteln.

Uber, das größte Taxiunternehmen der Welt, besitzt keine Autos. Airbnb ist mittlerweile ein „Hotelriese ohne eigene Hotels“. Aibnb muss sich nicht um hotelübliche Vorschriften bei Brandschutz und Hygiene kümmern. Die Provision: drei Prozent vom Vermieter, sechs bis zwölf Prozent vom Mieter.

Die mit dem philosophischen Leitbild des Teilens argumentierenden beiden früheren Start-ups sind mittlerweile die Lieblinge der Anlage suchenden Investoren. Uber wird mit 17 Mrd. Dollar gehandelt, die Wohnungsbörse Airbnb mit 10 Mrd. Dollar. Fachleute schätzen in Berlin die Zahl auf 15.000 Ferienwohnungen. Die Tauschwirtschaft a lá Airbnb nützt vor allem denen, die selbst etwas anzubieten haben und besitzen, denn schicke Wohnungen in guten Vierteln bringen natürlich die höchste Rendite.

Doch was ist der Kern dieser sogenannten Sharing Economy, was trägt sie zum besseren Verständnis der digitalen Transformation bei und wie soll man dieser Ökonomie begegnen, die sich über bestehende Gesetze und Regelungen hinwegsetzt? Der Ruf liegt nahe, verbieten, zumindest regulieren. Die neuen Konkurrenten fordern dagegen: Deregulieren und neue Gesetze, die Konkurrenz zum Taxi- bzw. Hotelgewerbe zulassen. Denn der Kunde kann durch niedrigere Preise profitieren.

Dieser Konflikt ist nicht lösbar, ohne dass eine Partei in die Knie gezwungen wird. Man muss sich entscheiden, will man Arbeitsplätze erhalten oder günstigere Preise und möglicherweise auch mehr Komfort für Verbraucher zulassen? Werden dieselben Regeln der Personenbeförderung an UberPop gestellt, werden sie ihren Preisvorteil einbüßen, möglicherweise durch die exorbitant hohen Uber-Provisionen sogar teurer sein. Es ist der Konflikt, der der Plattform-Ökonomie generell inhärent ist.

Airbnb wie Uber sind nur exemplarische Vertreter der Sharing Economy. Mit viel amerikanischem Wagniskapital  setzen sie auf schnelle weltweite Ausbreitung und Zerstörung etablierter Geschäftsmodelle, um globale Monopole zu errichten: Ein Angriff auf die soziale Marktwirtschaft.

Begleitet wird die Strategie von in Deutschland eher ungewohnten Werbestrategien: Das UberPop-Verbot des Verwaltungsgerichts Frankfurt wird vom Uber-Management genutzt, um den Spruch erst einmal zu negieren, damit die Medien über Wochen eine Story haben. Uber hat so kostenlos eine Werbekampagne, für die man sonst Millionenbeträge zahlen müsste.

Das alles sieht der Uber-General Manager Westeuropa Pierre-Dimitri Gore-Coty allerdings anders. In der FAZ schreibt er: „Das Uber-Verbot ist zu simpel. Deutschland sollte nicht zurückfallen. … Neue Plattformen für gemeinschaftlichen Konsum entstehen als Antwort auf gesellschaftliche Anforderungen, die man nicht ignorieren darf. In Deutschland und weltweit müssen Regierungen dafür sorgen, dass ihre Bürger von den Vorteilen dieser auf gemeinsame Nutzung ausgerichteten Wirtschaft profitieren können. … Dieses neue Wirtschaftsmodell bietet den Verbrauchern greifbare Vorteile: bessere Dienstleistungen, mehr Auswahl und niedrigere Preise. Gesetze und Vorschriften sollten die Rechte der Verbraucher schützen. … Von allen verlangt Uber ein Führungszeugnis, Führerschein, Personalausweis und ein viertüriges Auto, das auf den Fahrer zugelassen und nicht älter als zehn Jahre ist. … So wie das Internet Computer miteinander verbunden hat, so verbindet und bewegt Uber weltweit Menschen mittels eines virtuellen Transportnetzes“.

Für Uber, Airbnb & Co. stehen dabei eventuelle Verbrauchervorteile im Vordergrund. Interessen der Beschäftigten bleiben unerwähnt, sie fallen unter den Tisch.

Am Beispiel der Sharing Economy wird einer der „Urkonflikte“ der digitalen Transformation sichtbar: Für die Konsumenten wird es billiger und bequemer, für eine wachsende Zahl der Beschäftigten geht es um die Existenz.

Die urliberale Sichtweise wird argumentieren, das muss der Markt regeln, die konservative dazu neigen, Regulierungen des Ausgleichs für die Benachteiligten zu fordern. Beide werden nicht verhindern, dass Plattform-Monopole entstehen mit sagenhaften Börsennotierungen und Profiten. Im Kern geht es um das Überleben der sozialen Marktwirtschaft und ihre mögliche Zerstörung durch die globale Plattform-Ökonomie.

Sollten sich diese Modelle der Sharing Economy durchsetzen, dann werden viele Beschäftigungsverhältnisse zu Freizeitangeboten mit Zubrotcharakter. Amazon beispielsweise wird dann keine kommerziellen Paketdienste mehr benötigen, über eine App kann jedermann gegen ein Taschengeld die Ware zustellen.

Die „neue“ Arbeitspolitik könnte dann etwa so aussehen: Privatleute werden ihre Produkte und Kompetenzen (Autos, Wohnungen, handwerkliche und kaufmännische Fähigkeiten) online anbieten. Das Netz wird zum universellen Marktplatz, der die Beteiligten zusammenführt. Die Gate-Keeper-Funktion liegt in den Händen einiger Silicon-Valley-Monopole. Diese Entwicklung wird uns über kurz oder lang als „Sachzwang der digitalen Ökonomie“  selbstverständlich erscheinen.

„MeinGoogle“ oder gibt es sonst noch was?

Ansichtssache Nr. 14 von Arno Rolf

Würde man die Generation bis fünfzig fragen, ob sie ohne die Suchmaschine Google leben könnte, so wird sie vermutlich antworten: Ein Leben ohne Google ist möglich, aber nutzlos. Sie macht Alltag und Arbeit einfacher und reichhaltiger. Google zu vermeiden, wäre für sie gleichbedeutend mit dem Gang ins „digitale Kloster“.

Google kommt bei Suchanfragen in Deutschland aktuell auf einen Marktanteil von fast 95 Prozent. Bing und Yahoo haben zusammen kaum vier Prozent. Ein deutlicher Beleg für ein unsagbar bequemes Medium, das uns erlaubt, sich über Gott und die Welt schnell und das auch noch kostenlos zu informieren.

Das wirft Fragen auf: Enthält die Google Suchmaschine tatsächlich alle relevanten Informationen? Zahlen wir einen Preis für diesen Komfort? Gibt es Alternativen zu Google?

Es gibt zahlreiche Aufforderungen von europäischen Politikern, sich von Google unabhängig zu machen. Ebenso einige erfolglose Versuche, mit EU-Geldern eine europäische Lösung zu etablieren. Missglückt sind die Projekte Quaero und Theseus, in die staatliche und private Gelder in Höhe von 200 Mio. €  versackten, nach fünf Jahren wurden sie eingestellt.

Offensichtlich erfolgreich ist die im Jahre 2011 in Frankreich gegründete Suchmaschine Qwant, sie versteht sich als europäische, datenschutzkonforme Lösung. In puncto Aktualität der Suchergebnisse ist sie Google wohl noch unterlegen. Zu den erfolgversprechenden Euro-Suchmaschinen zählt die von Niederländern gegründete Ixquick. Thilo Weichert, ehemaliger Datenschutzbeauftragter von Schleswig-Holstein, stuft sie als datenschutzkonform ein. Sie bündelt Ergebnisse mehrerer Suchmaschinen, darunter auch von Google, anonymisiert den Zugriff und verhindert so, dass Nutzerprofile erstellt werden können.

Von Redakteuren der Website t3n.de wurden zwanzig Suchmaschinen getestet. Die Tester bescheinigen Ixquick und Qwant  ein vergleichbares Funktionsspektrum wie Google. Wie die meisten getesteten Alternativen sind sie hinsichtlich Datenschutz und Anonymität dem Silicon-Valley-Konzern weit überlegen. Andere Suchmaschinen bieten Spezialdienste an, etwa die Suche nach Bildern, Videos, Büchern, wissenschaftlichen Texten, Internetforen, Start-ups oder die Suche in Wikipedia. Ihre klangvollen Namen sind u.a. Duckduckgo, Exalead, Wegtam oder Wolfram Lead, wobei letztere versucht, direkte Antworten auf gestellte Fragen zu geben. Die Tester kommen zu dem Ergebnis, dass unter Umständen sogar bessere Ergebnisse als beim Marktführer erzielt werden können. Die Alternativen haben den Nachteil, dass sie nur Computerfreaks bekannt sind und ein Hin- und Herspringen zwischen Suchmaschinen ziemlich unbequem ist.

Es muss aber noch weitere Gründe für Googles Monopolstellung geben. Oft genannt Googles PageRank-Algorithmus, der auf eine Suchanfrage mit einer nach Relevanz geordneten Trefferliste antwortet: Je häufiger eine Seite verlinkt wurde, umso höher wird sie gerankt. Hinzu kommt: Googleware steht für die Herausforderung, die enorme Rechenleistung zu bewältigen, die das PageRank-Verfahren benötigt. Eine Suchmaschine, die 95 Prozent des europäischen Marktes für Internetrecherchen ohne nennenswerte Ausfälle bedient, ist ein einzigartiges Phänomen, das nicht einfach kopiert werden kann. Googles kaum zu übertreffende Stärke: Gigantische und robuste Serverlandschaften.

Ebenfalls zu erwähnen, Googles schlaues Geschäftsmodell: Für den Nutzer ist trotz hoher Entwicklungskosten alles „just-for-free“. Die Kassen Googles klingeln erst, aber überaus reichlich, durch Werbeeinnahmen. Es ist dieses Geschäftsmodell des Verschenkens auf der Nutzerseite und des Kassierens bei den werbetreibenden Unternehmen, was die Gewinne von Google in exorbitante Höhen treibt.

Das angenehme Gefühl der Nutzer, beschenkt zu werden, wird kaum getrübt durch Hingabe ihrer privaten Daten, die auch von den amerikanischen Sicherheitsbehörden ausgewertet werden. Dies wird von den meisten Nutzern als unangenehm aber hinzunehmender Nachteil in Kauf genommen. Hinzu kommt, Googles Suchmaschinendienste sind auf vielen PC, Tablets und Smartphones bereits ab Werk vorinstalliert. Es ist mit Wissen und Aufwand verbunden, sich für Alternativen zu entscheiden und sie zu installieren.

Was Google als Ergebnis liefert, gilt als Wissen. Doch ist die Welt wirklich „eine Google“? Google hat den Anspruch, der Weltinformationsorganisator zu sein. Doch Google präsentiert nur einen kleinen Ausschnitt dessen, was Welt ist. Zugleich leistet Google dem Glauben Vorschub, dass dieser Ausschnitt der allein relevante ist. Neunzehntel dessen, was im Internet abgerufen werden kann, ist mit Google und anderen Suchmaschinen nicht auffindbar. Google Search-Bots durchsuchen nur das sichtbare Netz. Das fundierte, aber auch hässliche Wissen ist eher dort zu finden, wo Google nicht hinkommt. Das Tiefenweb („Deep Web“) ist jener Bereich des Internets, wo die Daten verschlüsselt oder durch Passwörter geschützt sind, in denen beispielsweise Fachartikel aber auch pädophile Seiten gespeichert sind. Dazu gehören auch die Datenbestände der Geheimdienste und Chatforen für Dissidenten.

Googles Suchmaschine indexiert mit unseren Anfragen unsere Lebensweise. Je mehr die Suchmaschine über die Präferenzen des Nutzers weiß, desto exakter die Ergebnisse. Nicht zuletzt wegen dieser Ergebnisse wird Google von uns so geschätzt.

Zukünfte – Die Industriearbeit 4.0

Ansichtssache Nr. 13 von Arno Rolf

Der Kalifornier Mark Weiser wollte bereits in den späten achtziger Jahren den Computer verschwinden lassen. Seine Idee: Rechnerintelligenz sollte in alle Alltagsgegenstände eingebettet werden. Die Informationstechnik wäre der menschlichen Sichtbarkeit entzogen und die menschliche Eingabe weitgehend überflüssig.

Diese Idee wird heute umgesetzt. Sie findet sich in Metaphern wieder wie Internet der Dinge, Industrie 4.0 und Smart Factory sowie cyber-physische Systeme. Ein neues informationstechnisches Großprojekt ist ausgerufen.

Der Fokus war bis bislang, Menschen über PC und Smartphone untereinander und mit Organisationen über das Internet zu vernetzen. Das Internet der Dinge will die Dinge der realen Welt einbeziehen, ihnen eine digitale Repräsentation geben und sie über das Internet vernetzen. „Intelligent gemachte“ Objekte sollen selbstständig über Sensoren und Aktoren ihr Umfeld erkunden und messen, Anfragen generieren, Informationen austauschen, Daten senden und empfangen. Rechner sind dann unsichtbar und allgegenwärtig. Objekte reagieren autonom auf ihr Umfeld. Dinge, Geräte, Maschinen, Sensoren werden zu „Akteuren“. Ein hochkomplexes System entsteht, das sich selbst steuern und kontrollieren soll.

Dieser Grundgedanke wird mit der Industrie 4.0 auf die Fabrik übertragen. Mit der Smart Factory machen sich deutsche Unternehmen große Hoffnungen, die Niederlage, die ihnen die Silicon Valley-Akteure Google & Co. mit ihren sensationellen Alltagsprodukten zugefügt haben, und wo die Felle des Bären offensichtlich verteilt sind, jetzt im Industriebereich kompensieren zu können. Schließlich stehen die globalen Exporterfolge des deutschen Maschinenbaus auf dem Spiel.

Auf der Grundlage des Internets der Dinge werden alle Fabrikkomponenten und entstehenden Produkte über eine eigene IP-Adresse digital vernetzt und ansprechbar. Alle Gegenstände, Materialien, Maschinen und Umgebungen der Fabrikwelt, tauschen Informationen aus und bieten ihre Dienste anderen physischen Objekten an. Die Cyberwelt des Internets ist mit der physischen Fabrikwelt verknüpft, deshalb cyber-physische Produktionssysteme (CPPS). Das Produkt steuert seine Herstellung selbst. Die Produkte sind jederzeit identifizierbar und lokalisierbar. Sie enthalten ihre Historie genauso wie den aktuellen Zustand und alternative Option zum Zielzustand, so die Vorstellungen der „Geburtshelfer“ und Namensgeber Kagermann, Wahlster und Helbig in einer Studie für das Bundesforschungsministerium.

Das zu fertigende Produkt teilt beispielsweise mit, dass es nicht mehr als ein Kilo wiegen darf und einen blauen Anstrich benötigt; der Roboter, dass er in der nächsten Stunde ausgelastet ist, die Fräsmaschine, dass sie altersschwach ist, die Akkus ihren Ladezustand und alle Maschinen ihre Energieverbräuche. Die Daten fließen zusammen, werden ausgewertet und zu neuen Steuerungsbefehlen verarbeitet, so die Vision.

Der Anspruch ist gigantisch. Beim Lesen der Studie, fragt man sich manchmal, ob nicht der Science-Fiction-Gaul mit den Wissenschaftlern durchgangen ist: Alle autonom agierenden, wissensbasierten, sensorgestützten und räumlich verteilten Produktionsmaschinen, Hunderte von Robotern, Förder- und Lagersysteme und auch die Betriebsmittel sollen Teil dieses Vernetzungsimperiums werden. Zugleich verspricht man sich, aus den anfallenden Daten neue Dienstleistungen und Geschäftsmodelle generieren zu können. Aus dem Internet der Dinge könnte dann auch ein Internet der Dienste werden.

Zur Vision der Smart Factory  gehören des Weiteren „intelligente“ Roboter und Assistenzsysteme, wie Datenbrillen und Tablets, die den Beschäftigten bedarfsgerechtes Wissen vor Ort und zeitnah bereitstellen. Die flexiblen Roboter sollen die Rolle des schlauen, nie müden Helfers an der Seite des Facharbeiters übernehmen. Sie sind nicht mehr in Käfigen eingesperrt, sondern halten sensibel Abstand, wenn der Arbeiter in seiner Nähe ist und sollen mit interagieren. Die Fertigungsstätte auf dem Weg zur Wohlfühlfabrik?

Alte Diskussionen, seit Taylor und Ford geführt, stehen aktuell bei den Einschätzungen der „Nebenfolgen“ der Industriearbeit 4.0 für die Beschäftigten im Vordergrund: Rationalisiert der technische Fortschritt die Arbeiter „weg“ oder unterstützt er sie mit der Folge anspruchsvollerer Arbeitsplätze? Glaubt man den Optimisten werden nur die stupiden Routinearbeiten automatisiert. Die verbleibenden Beschäftigten können sich, nach Qualifizierung, auf interessantere Arbeiten bei höherer Entlohnung konzentrieren.

Der VW-Personalvorstand Horst Neumann steht für die Gegenposition: Der Kollege Roboter weite sein Herrschaftsgebiet über stupide Tätigkeiten weit aus und sei dabei unschlagbar billig. Der Beschäftigte stehe bei Umsetzung der Industrie 4.0 auf verlorenem Posten. Sein Entgelt betrage das Zehnfache der Roboterstunde, die mit Kosten zwischen 3 und 6 € zu Buche schlage (Butollo/Engel 2015). Industriesoziologen dagegen verweisen auf langwierige Einführungs- und Umsetzungsphasen, die gut qualifizierte Arbeitskräfte benötigen. Die in Laboren und Modellfabriken erzeugten Idealbedingungen ohne Maschinenausfälle und ohne Mitarbeiterfehler werden noch für lange Zeit weit von der Umsetzungsrealität in Fabriken entfernt sein. Es gibt Voraussagen, dass die Umsetzung etwa zwei Jahrzehnte dauern wird.

Die alten tayloristischen Diskussionen taugen in der Industrie 4.0-Epoche nur noch begrenzt, obwohl monotone Jobs mit Restarbeiten nicht verschwinden werden. Die Smart Factory-Konstrukteure wollen mit der Industrie 4.0 endlich die nach wie vor harte Nuss ganzer Managementgenerationen knacken: die Errichtung des auf flexibler Selbststeuerung beruhenden durchautomatisierten Management-Informations-Systems (MIS). Es ist das alte betriebswirtschaftliche Leitbild der aus dem „Cockpit“ kontrollierbaren Fabrik durch das Management. Denn Cyber-physischen Systemen mit ihrer Sicht auf Netzwerke und Prozesse wir zugetraut, die Selbstregulierung des Fabriksystems voranzubringen und irgendwann zu vollenden. Die Produktion soll sich im Störfall „selbst frei fahren“, so die beiden Jenaer Sozialwissenschaftler Butollo/Engel.

Die aktuellen Diskussionen laufen in den zu engen Bahnen vergangener Rationalisierungsdiskussionen. Sie nehmen lediglich die einzelne Smart Factory in den Blick. Wir sind längst im Zeitalter der globalen Wertschöpfungs- und Logistikketten mit ihren Outsourcing-Strategien. Ihre Merkmale sind, Arbeit über Internet-Auktionen auszuschreiben und Beschäftigte zu Zeitarbeit, Werkverträgen, Teilzeitarbeit, Leiharbeit, Praktika etc. zu verpflichten. Das wird auch nicht vor der Industriearbeit 4.0 halt machen. Traditionelle Gestaltungsansätze, die nach „win-win-Situationen“ zwischen Beschäftigten und Kapitalseite suchen, scheinen da fast etwas aus der Zeit gefallen. Der Bund Deutscher Arbeitgeber (BDA) hat sich bereits mit seiner Position entsprechend eingegraben: Arbeitsschutz sei „Arbeitnehmerschutz“. Deshalb könne der Arbeitsschutz nicht auf freie Tätigkeiten im Internet angewendet werden. Sie sei nicht regelbar, ein Mindestlohn deshalb abwegig (Schumm-Garling 2015).

Was sind die Reaktionen der Gewerkschaften und Betriebsräte? Sie liegen zwischen sich Mutmachen, indem sie Chancen sehen, der  Taylorisierung der Arbeit den Garaus zu machen einerseits, und harten Verhandlungen der Betriebsräte um Betriebsvereinbarungen für Arbeitsplatzsicherung und Qualifikationszusagen anderseits. Ihnen wird klarer, dass nicht mehr der einzelne Betrieb, sondern die globalen Wertschöpfungsketten ins Zentrum ihrer Aktivitäten rücken müssen.

Der Saldo von Chancen und Risiken für die Beschäftigten der Industrie 4.0 wird davon abhängen, wer sich bei der Gestaltung durchsetzen kann. Technik determiniert nicht die Gestaltung! Das Betriebsverfassungsgesetz gibt den Betriebsräten in Deutschland beim Einsatz neuer Technologien mit Folgen für die Arbeit Mitbestimmungsrechte. So kann etwa der Einsatz von Assistenzsystemen, wie z.B. Datenbrillen, sowohl das Erfahrungswissen von Ingenieuren und Facharbeitern entwerten als auch die Handlungsfähigkeit von Beschäftigten und Teams in komplexen Situationen verbessern oder sie bei Anlernprozessen unterstützen. Die Exporterfolge des deutschen Mittelstandes beruhen vor allem auch darauf, dass Ingenieure und Facharbeiter mit Komplexität, Unwägbarkeiten und technischem Wandel umgehen können. Das sollte in der Industrie 4.0 nicht verschenkt werden (Martin Krzywdzinski/ Ulrich Jürgens/Sabine Pfeiffer: Die vierte Revolution. Wandel der Produktionsarbeit im Digitalisierungszeitalter.In: WZB-Mitteilungen, Heft 149, 9/2015).

Der Fahrstuhl zum Penthouse

Ansichtssache Nr. 12 von Arno Rolf

Das Wachstum der Serviceökonomie durch Digitalisierung gibt Hinweise auf eine Aushöhlung der Middle-class-income-jobs. Welche gesellschaftlichen „Nebenfolgen“ handeln wir uns damit ein? Und könnten sich dann ganz unerwartete Koalitionen bilden?

Der Harvard-Ökonom Katz vergleicht die Gesellschaft der USA mit einem instabilen Haus: Ganz oben sehen wir ein Penthouse, das durch seinen Reichtum bombastische Ausmaße angenommen hat und die Statik des gesamten Gebäudes überfordert. Ganz unten überfüllte Untergeschosse, die den Zufluss aus den Mitteletagen kaum noch aufnehmen können. Im mittleren Teil des Gebäudes herrscht Leerstand. Der mit Menschen besetzte Fahrstuhl fährt von den Mitteletagen nur nach unten. Er hat keine ausreichende Energie mehr, Menschen von unten in die mittleren Etagen zu befördern. Die Mechaniker sind nicht willens oder überfordert und nur im Besitz sich konträr widersprechender Reparaturanleitungen. Für die Bewohner der Untergeschosse steht ein umfangreiches Angebot an Events bereit. Auf deutsche Verhältnisse übertragen, sind die Bewohner des Untergeschosses eh über Magazine wie die Gala  beim Treiben der Leute in der Penthouse-Etage dabei. Und nun stürzt die Herausforderung der digitalen Transformation auf dieses deformierte Gebäude ein.

Realistisch über den Tag hinaus beschrieben erscheint die digitale Zukunft der Arbeit im Essay Das digitale Evangelium von Hans Magnus Enzensberger. Interessanterweise hat er diesen bereits im Jahr 2000 verfasst. Seine Einschätzung bringt die Klasseneinteilung der digitalen Gesellschaft auf den Punkt. Es ist eine heute noch aktuelle Aussage über die „Nebenfolgen“ der digitalen Transformation unter der ausschließlichen Zielsetzung der Ökonomisierung.

Ganz oben rangieren laut Enzensberger die Chamäleons, die Workaholics, die mit der materiellen Produktion nichts zu tun haben. Es sind Agenten, Makler, Vermittler, Anwälte, Consultants, Wissenschafts-, Geld- und Informationsmanager. Ihre abstrakteste Form findet sich in Finanzkonzernen. Diese Klasse, die einst Überbau genannt wurde, schöpft traumhafte Gewinne ab, von denen andere nur träumen. Eine zweite Klasse nennt Enzensberger Igel, weil sie, bei hoher Sesshaftigkeit, ein Mangel an Flexibilität auszeichnet. Ihr Gehäuse sind Institutionen, also Behörden, Verwaltungen, Verbände. Die Biber, die „handfest arbeitenden Malocher“ in den klassischen Produktivitätssektoren, werden durch Automatisierung, Rationalisierung und Auslagerung in Niedriglohnsektoren weiter schwinden. Die vierte Unterklasse passt nicht in den Tugendkatalog des digitalen Kapitalismus und ist daher aus Enzensbergers Perspektive überflüssig, sie nimmt in den reichen Ländern jedoch stetig zu. Sie leben in den Untergeschossen des Penthouses. Es sind die Arbeitslosen, Asylbewerber, Leute ohne Berufsausbildung, allein erziehende Frauen. Der digitale Kapitalismus, so Enzensberger, wird die Tendenz zu diesen für überflüssig Erklärten verschärfen, da ein großer Teil der Bevölkerung den Anforderungen, die er stellt, schlechterdings nicht gewachsen ist[1]. Zu ergänzen wäre die Klasse der Systemtechniker, die die digitale Transformation informationstechnisch und ökonomisch voranbringt. Sie besteht vor allem aus Informatikern, Ingenieuren, Softwareentwicklern und Betriebswirten. Seit dem Jahr 2000 hat diese Klasse enorm an Bedeutung gewonnen. Sie gehören zu denen, die sich in den Mitteletagen wohnlich einrichten können.

Eine zeitgenössische, erfrischend polemische Stimme ist die von David Graeber, Professor für Anthropologie an der London School of Economics. Er nimmt eine sehr provokante Bewertung der Hausbewohner vor: Je stärker ein Job anderen Menschen nützt, umso schlechter wird er bezahlt, siehe Pfleger, Krankenschwester, Sozialarbeiter, Kita-Personal, Physiotherapeut etc. Für Graeber ist der Maßstab für gesellschaftliche Nützlichkeit die Beantwortung der Frage, was passieren würde, wenn die ganze Sorte von Beschäftigten in Gänze entfallen würde. Wenn Krankenschwester, Müllmänner, Lehrer oder Mechaniker auf einen Schlag wegfielen, so käme das einer sozialen Katastrophe gleich. Auch ohne Schriftsteller und Musiker wäre die Welt deutlich ärmer. Aber nach Graebers Meinung ist nicht ganz klar, ob etwas an Menschlichkeit verloren ginge, falls Investmentmanager, Lobbyisten, Public Relations-Manager, manche Verwaltungsleute, Telefonverkäufer, Anwälte in internationalen Schiedsgerichtsverfahren oder ähnliche Jobs verschwinden würden. Er nennt sie Bullshit-Jobs[2].

Im Untergeschoss finden wir auch einige schlechtbezahlte Service-ökonomie-Jobs, die nur deshalb so boomen, weil andere soviel arbeiten. Viele haben keine Zeit mehr für die Abwicklung persönlicher Dinge, sie schaffen so neue Jobs, z.B. für Pizza-Auslieferer, die 24 Stunden parat stehen. Auch das enorme Wachstum der Bestellungen bei Amazon dürfte hier eine Ursache haben. Als weitere „kleine Nebenfolge“ dieser Entwicklung erkennen wir die Expansion der Paket- und boomenden Lieferdienste. Nach Schätzungen von Prof. Heinz Bude vom Hamburger Institut für Sozialwissenschaften liegt das Nettoeinkommen in der Serviceökonomie zwischen 900 und 1100 €.

Brisant kann die geschilderte Entwicklung für unsere Gesellschaft werden, wenn sich daraus eine riskante Melange entwickelt. Stellen wir uns vor, dass sich das Dienstleitungsproletariat der Callcenteragenten, Clickworker, Paketfahrer mit den Gutausgebildeten, häufig sind es Akademiker und junge Familien, in ihrem Unmut vereinen. Ihnen werden täglich die Einkommen der Pleite-Banker, banale Weisheiten von überheblichen Consultants und Baulöwen, substanzlose Sprüche der Promis sowie unkompliziert wechselnde Politiker ohne spezifische Kompetenz in hochbezahlte Wirtschaftsjobs präsentiert, die sich dann zu einer Melange auf Charitie-Parties treffen und dort ihre Netzwerke knüpfen. Diese Gemengelage der Wirklichkeitsverweigerer pusht die Frustrationen derjenigen, die aufgrund ihrer Ausbildung und ihrer Kinder den Aufenthalt in den Mitteletagen beanspruchen und sich abkämpfen, nicht im Untergeschoss zu landen.

„Brenzlig wird es“, so noch einmal Heinz Bude, „wenn sich die Ignorierten aus dem Dienstleistungsproletariat mit den Verbitterten aus der gesellschaftlichen Mitte mit Blick auf einen Sündenbock verbünden für den Auftritt eines autoritären Rebellen.“ In Adam Smith Buch „Theorie der ethischen Gefühle“ (1759) findet sich der Satz: „Gerechtigkeit dagegen ist der Hauptpfeiler, der das ganze Gebäude stützt“.

Nach dieser hoffentlich noch abzuwendenden Dystopie soll nachgefragt werden, was die Beschäftigten in der so oft zitierten Industrie 4.0 erwartet und welche Gestaltungsspielräume es dort gibt?

[1] Hans Magnus Enzensberger: Das digitale Evangelium, In: DER SPIEGEL 2/2000, S. 92 – 101.

[2] David Graeber: On the Phenomenon of Bullshit Jobs, In; Strike!Magazine.

Die digitale Serviceökonomie – Abstellkammer für das neue Dienstleistungsproletariat?

Ansichtssache Nr. 11 von Arno Rolf

Voraussagen über die Zukunft der digitalen Arbeit gehen kaum näher auf Berufsbiografien und Schicksale der einzelnen Beschäftigtengruppen ein. Wir wollen nachhaken und beginnen mit der digitalen Serviceökonomie, wozu u.a. Clickworker, Callcenter-Beschäftigte, Paketfahrer zu zählen sind. Vielleicht müssen wir zukünftig auch heute noch so angesehene Berufe wie Journalisten, Musikproduzenten und Sekretärinnen dazu rechnen?

Dabei hat das Angebot an sog. „einfachen“ Berufen schon heute einen Überhang. Es sind die Putzkolonnen in Büros, die Raumservicekräfte in Hotels, die Regalnachfüller und Kassiererinnen in Supermärkten. „Einfach“ deshalb, weil sie keiner besonderen Ausbildung bedürfen. Die Jobs sind körperlich anstrengend, enge Zielvorgaben führen zur Arbeitsverdichtung und produzieren ein hohes Maß an Stress. Die Arbeit fällt nur auf, wenn sie misslingt, so Bahl/Staab vom Hamburger Institut für Sozialforschung in ihren lesenswerten Studien. Die Jobs sind vollkommen voraussetzungslos. Weil „jeder das kann“, drückt sich die Geringschätzung auch in der Bezahlung aus. Immerhin 12 bis 15 Prozent der Beschäftigten müssen in diesem Segment arbeiten.

Was kommt durch Digitalisierung zu diesen „einfachen“ Dienstleistungen hinzu, die Professor Heinz Bude Dienstleistungsproletariat nennt? An die unsichtbaren Callcenter-Mitarbeiter, die wir oft beschimpfen, weil nichts von dem Service klappt, den die Dame in der Warteschleife mit ihrer aufreizenden Stimme verspricht, haben wir uns ebenso gewöhnt wie an die hetzenden Paketfahrer, die die Fahrbahn in der zweiten Reihe blockieren müssen. Sie verdanken ihre Existenz im Wesentlichen der „Amazonisierung“.

Hinzugekommen sind die ebenfalls unsichtbaren Click- und Crowdworker. Sie sind von Auftraggebern abhängig, die ihre Aufträge weltweit im Netz ausschreiben. Beispielsweise müssen sie aus Webseiten Mailadressen oder Merkmale herausfinden oder kurze Produktbeschreibungen für Onlineanbieter verfassen. Auch von Google & Co. werden sie angeheuert, um ihre Portale von Pornographie, Erotik „sauberzuhalten“ und um andere Unappetitlichkeiten auszusortieren. Die Höhe des in Deutschland gezahlten Mindestlohns liegt dabei in den meisten Fällen in globaler Ferne.

Mit UberPop hat ein kapitalkräftiger Player die globale Plattform der Serviceökonomie betreten, der „Nebenbei-Fahrdienstjobs“ vermittelt und den traditionellen Taxifahrern die Existenz schwermacht. Betroffen sind aber auch Autoren, Journalisten, Künstler und Musiker. Tradierte gesellschaftliche Strukturen mit ihren im Laufe der Jahre austarierten und regulierten  Abhängigkeits- und Machtbeziehungen verändern sich durch Digitalisierung fundamental zulasten der Produzenten von Inhalten und Wissen. So ist es für Musiker kaum möglich, von den Auszahlungen der Spotify- oder Apple-Streamingdienste zu leben. Generell scheint nicht mehr Wissens- und Kreativ-Arbeit im Sinne der Generierung von Inhalten im monetären Kurs zu stehen, sondern das Managen von Wissen und Inhalten: „Die Inhalte aber, von denen man eigentlich meinen könnte, es käme auf sie an, produzieren oft jene Personen, die auf prekären Stellen sitzen oder überhaupt freiwillig und unbezahlt Content erstellen“, so die Journalistin Andrea Rödig. Festanstellung wird zum Privileg, freie Arbeit führt  oft zum Prekariat.

Ein fruchtbarer Acker für diese Entwicklung sind alle Arten von Bürojobs, die ins Home office verlagert werden können. Ein Beispiel ist die Online-Jobvermittlung oDesk. Ihr Chef Gary Swart schwärmt von seinem Geschäftsmodell, „die die Interessen von Arbeitgeber und Freelancer „harmonisch“ vereine, so seine Aussage in einem ZEIT-Interview. Als Beispiel erwähnt er eine Frau, die in der Finanzkrise ihren Job verloren hat: „Heute ist diese Frau nicht mehr abhängig von einem Arbeitgeber. Sie arbeitet für sechs verschiedene Kunden. Sie … kann sich die Arbeit frei einteilen, ihre Kinder von der Schule abholen, zwischendurch zum Yoga gehen, von zu Hause oder von Starbucks aus arbeiten. Für sie ist das wunderbar“. Wenig später fügt Swart an: „Ein Auftraggeber auf oDesk bekommt sechsmal pro Stunde ein Foto vom Bildschirm des Auftragnehmers übermittelt. So kann er sehen, … ob derjenige gerade Zeit auf Facebook verbringt. Bei uns ist eine bezahlte Stunde auch eine geleistete Stunde“.

Woran lässt sich der Kern der fortschreitenden Entwicklung zum digitalen Dienstleistungsproletariat festmachen? Es ist vor allem die Auktionsausrichtung der digitalen Vermittlungsplattformen. Sie agieren als globale Agenten, wobei sie alle selbstverständlichen, in Jahrzehnten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern ausgehandelten Regulierungen der „stolzen“ sozialen Marktwirtschaft unterlaufen. Steuerzahlungen, Sozialversicherungsbeiträge sind für sie ebenso irrelevant wie Arbeitszeitverordnungen, Fortzahlung im Krankheitsfall. Unter sozialen Aspekten wirft das eine Gesellschaft um hundert Jahre zurück. Das ist auf Dauer die Wurzel für den Zerfall der Mittelschicht und der anwachsenden Proletarisierung vieler Beschäftigungsverhältnisse. Internetexperten sprechen gern von disruptive Innovations, engen ihren Blick dabei allerdings auf die von „Nebenfolgen“ freien, ökonomischen Zerstörungen ein.

Johannes Kleske hat in seinem Vortrag auf der re:publica 2015 in seinem brillanten Beitrag zum Wesen der digitalen Service-Ökonomie drei Merkmale genannt: Der Algorithmus ist der neue Vorgesetzte. Code is Law, nennt es der amerikanische Rechtsprofessor Lawrence Lessig. Mit dem Code kann man nicht diskutieren. Regeln und Befehle sind in Programme „gemeißelt“. Zweitens: Nutzungsbedingungen sind die neuen Arbeitsverträge. Sie sind zu akzeptieren und nicht verhandelbar. Oft ergeben sich daraus  Verpflichtungen für den Arbeitssuchenden wie bei der Angestelltenarbeit, ohne gleichzeitig die dort üblichen Rechte zu erhalten. Und schließlich: Die Herrscher der Plattform-Ökonomie sind über ihre Datenherrschaft in der Lage, wie in einem Panopticum den Auftragnehmer jederzeit zu beobachten und zu kontrollieren. Für diesen bleibt die Arbeitssituation hingegen gänzlich intransparent.

Malen wir doch mal ein nicht ganz unrealistisches Bild von der „Work-Life-Balance der Zukunft“: Das Ausdünnen der Festanstellungen durch Digitalisierung schreitet in vielen Branchen voran. Die so „Freigestellten“ werden vermutlich versuchen, über Airbnb Zimmer zu vermieten und sich als Privattaxifahrer gegen eine Obulus-Zahlung bei Uber und bei Mechanical Turk als Clickworker zu verdingen. Die Arbeitsvermittlung organisiert sich in Netzauktionen, die eher an Castings-Shows erinnern. Das billigste Arbeitsangebot erhält den Zuschlag. Durch Ausschreibung der Unternehmen von Crowdsourcing-Aktionen kämpft er vielleicht um den Zuschlag eines Design-Awards, der aufgrund der großen Konkurrenz einem Lottogewinn gleichkommt. Sein Stress verstärkt sich durch Überwälzung vieler Dienstleistungen über IT auf Kunden oder Bürger, d.h. Ausfüllen von elektronischen Formularen statt Beratung. Zusätzlich wird man durch Ausleihe, Gemeinschaftsgärten, Kleidertauschbörsen, Schneiderwerkstätten oder Eigenproduktion mit dem 3D-Drucker sein Auskommen zu sichern versuchen. Albtraum oder Befreiung?

Unter ökologischer Perspektive könnte diese Zukunft zur Schonung von Ressourcen durch Verleihen, Konsumreduzierung und Handeln in Gemeinschaften beitragen und schließlich zur Post-Wachstums- und Post-Arbeitsgesellschaft führen. Das setzt allerdings den politischen Willen zu einer materiellen Grundsicherheit für alle voraus. Ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte eine solche Basis sein. Zusätzlich müsste der Kampf gegen die Oligopole Airbnb, Uber und andere etalierte globale Plattform-Ökonomien angenommen werden. Sie wollen „eben nicht die Befreiung des arbeitenden Individuums durch die Kraft der globalen Vernetzung“ (Johannes Kuhn: Keine Angst vor Zombies, In: SZ 26./27.9.15). Sie wollen weiter Geld verdienen, um ihre Kapitalgeber bedienen zu können. Deshalb müssen sie Bedingungen und Provisionen nach Belieben setzen können. Wie wäre es mit der Gründung von Start-ups in Form von Genossenschaften als Gegengift? Nach Vorbild die Berliner tageszeitung (taz)? Das wäre in der Tat eine große Herausforderung und Chance zur Befreiung vom kalifornischen Plattform-Kapitalismus (Sascha Lobo). Sie könnte vielleicht verhindern, dass aus der „Work-Life-Balance der Zukunft“ ein Albtraum wird. Es wäre ein Beleg, dass es nicht die Technik ist, die die Gestaltung vorschreibt.

Eine nicht ganz unwichtige „Nebenfolge“ der Plattform-Ökonomie: Die häufig zu hörende Klage, wer denn bei der aktuellen demografischen Entwicklung die für die Rente erforderlichen Sozialleistungen verdienen soll, fügt eine neue Perspektive hinzu. Offensichtlich leistet eine frei laufende Digitalisierung einen beträchtlichen Beitrag zur Erodierung unserer Sozialsysteme.

Schnell landet der Schwarze Peter bei der Diskussion zur Zukunft der digitalen Arbeitswelt bei den Gewerkschaften. Sie sollten sich doch stärker für ihre Klientel einsetzen. Abgesehen davon, dass der Organisationsgrad gerade bei den „einfachen“ Dienstleistungen gering ist, kann wohl keiner eine Patentlösung bei der doppelten Herausforderung von Digitalisierung plus Globalisierung aus der Tasche ziehen. Ein bescheidener Anfang ist die Einrichtung einer Webplattform Faircrowdwork.org, eingerichtet von der IG Metall. Hier können Crowd- und Clickworker ihre Erfahrungen mit ihren Auftraggebern sowie  Bewertungen einstellen. Neben Aufklärung könnte auch die Etablierung von Preisstandards für Netzarbeit ein Weg sein. Für die Sicherung des Rentensystems sollte auf EU-Ebene ein Fonds eingerichtet werden, den Auftraggeber durch Rentenbeiträge zugunsten der Auftragnehmer zu bedienen hätten. Die Politik ist gefordert, sicherzustellen, dass die vorherrschenden Regulierungen sowohl für die analoge als auch für die digitale Arbeitswelt gelten.

Welche weiteren „Nebenfolgen“ handeln wir uns ein, wenn es durch Digitalisierung zur Aushöhlung der Middle-class-income-jobs kommt? Sind möglicherweise ganz unerwartete Koalitionen denkbar? In der folgenden Ansichtssache Nr. 12 Der Fahrstuhl zum Penthouse wird es um diese Fragen gehen.

 

 

 

 

 

 

Die Zukunft der Arbeit – Prophezeiungen und Sehnsüchte

Ansichtssache Nr. 10 von Arno Rolf

Was sind die „Nebenfolgen“ der digitalen Transformation für die Zukunft der Arbeit. Die Einschätzungen sind hier uneinheitlich, oft pauschal und spekulativ.

Häufig  genannt werden die beiden MIT Sloan School- Wissenschaftler Erik Brynolfsson und Andrew McAfee. In ihrem Bestseller „The Second Machine Age“ kündigen sie einen gewaltigen Produktivitäts- und Wachstumsschub an. Beispielhaft demonstrieren sie das, indem sie eine Verbindung zwischen dem steilen Aufstieg des sozialen Foto-Netzwerks Instagram und dem tiefen Fall des analogen Camera- und Filmherstellers Eastman/Kodak bis zu seiner Insolvenz herstellen. Eastman/Kodak hatte in besten Zeiten 145.000 überwiegend Middle-Class-Jobs. Zum Zeitpunkt des Verkaufes an Facebook waren bei Instagram 12 Mitarbeiter beschäftigt. Der Arbeitnehmer werde den Wettlauf gegen Computer und Roboter durch Entkopplung der digitalen Produktivitätsschübe vom Einkommen der breiten Masse verlieren.

Oft genannt auch die Studie der Oxford-Wissenschaftler Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne. Sie haben die internationale wissenschaftliche Literatur analysiert hinsichtlich der Auswirkungen der Digitalisierung für über 700 Berufe in den USA.

47 Prozent aller amerikanischen Beschäftigungsverhältnisse sind danach innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte stark gefährdet. In der ersten Welle werden die meisten Arbeiter im Transport- Logistik- und Fertigungsbereich zusammen mit einem Großteil der sachbearbeitenden Tätigkeiten in Büro und Verwaltung betroffen sein. Ein substantieller Teil der Beschäftigten im Service und Verkauf steht ebenfalls auf ihrer Liste, u.a. Telefonverkäufer, Buchhalter, Fremdenführer, Immobilienverkäufer, Busfahrer. Auffällig für  Frey/Osborne ist die Aushöhlung der Middle-class-income-jobs.

Zur Kategorie mit geringem Risiko werden Tätigkeiten wie Krankenschwester, Sozialarbeiter, Erzieher, Kulturbeschäftigte, Medien-, Anwälte, Computerexperten, Ingenieure und Naturwissenschaftler gezählt. Auch Tätigkeiten im Management-, Business- und Finanzbereich und hier vor allem Generalisten, die mit sozialer Intelligenz wuchern können, haben gute Chancen.

Mit der gleichen Methodik der beiden Briten hat das Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim für Deutschland herausgefunden, dass 42 Prozent der Beschäftigten in Berufen arbeiten, die sich in den nächsten zwei Jahrzehnten automatisieren lassen. Allerdings sei zu berücksichtigen, dass nur 12 Prozent aller Beschäftigten in diesen bedrohten Berufen arbeiten.

Auch die Szene der Managementberater erobert gerade das Feld der digitalen Prophezeiungen. So etwa der Netzökonom Holger Schmidt. Einige Auszüge aus seinen „25 Thesen zur Zukunft der digitalen Arbeit“: „Unternehmen greifen für die Erbringung spezifischer Leistungen immer weniger auf die dem Unternehmen fest verbundene workforce zurück. Globale Transparenz von Skills …führen zu einem <hiring on demand>. Statt auf Mitarbeiter setzen Unternehmen immer mehr auf Kunden. Viele (digitalisierbare) Leistungen werden von Begeisterten freiwillig und unentgeltlich erbracht … Freiwillige digitale Arbeit ersetzt dabei professionelle Beschäftigung. Büros dienen nur noch dem Netzwerken – nicht mehr der Arbeit. Digitale Arbeitskräfte sind in Form individueller Datenpakete quantifizierbar – ihre Kompetenzen, Erfahrungen, Kapazitäten. Das erleichtert die passgenaue Vergabe von Aufträgen“.

Man mag über den emotionslosen Management-Duktus staunen. Aber der Autor geht über die Rationalisierungen hinaus und verweist auf die zu erwartenden qualitativen Strukturveränderungen der Arbeitswelt. Das wird noch klarer, wenn man sich die Idee der IBM anschaut.

Die IBM plante 2012 in Deutschland mit dem Liquid-Programm den radikalen Stellenabbau der Kernbelegschaft um 8000 Stellen, eine Reduzierung um 40 Prozent. Stattdessen sollen Cloudworker, Freelancer, Solo-Unternehmer oder Arbeitskraft-Unternehmern eingesetzt werden, die neuen kaum unterscheidbaren Berufsbezeichnungen für freie Mitarbeiter. Über die Global Talent-Cloud können sie sich weltweit bewerben und präsentieren. Sie werden von IBM zertifiziert. Bewertungen aus früheren Arbeitsbeziehungen gehen mit ein.

Das Spektrum dürfte dann zwischen „Fünf-Sterne-Jobber“ und „Nullnummer“ liegen. Die ausgewählten Arbeitskräfte erhalten internationale Arbeitsverträge. So muss IBM sich nicht mehr an den Löhnen der Hochlohnländer orientieren.

Konkret hat sich IBM vier unterschiedliche Arbeitsmodelle ausgedacht: Bei der Auction formuliert IBM Arbeitseinheiten, zertifizierte Freelancer geben ihre Preisangebote ab. Die Bid steht für ausformulierte Arbeitseinheiten zu einem festen Preis, interessierte Freelancer melden sich, IBM wählt aus. Auch beim Contest formuliert IBM Arbeitseinheiten, verbindet diese aber mit einem Wettbewerb, an dem zertifizierte Freelancer teilnehmen können. Die IBM bestimmt den Sieger mit einem Award, wobei nur dieser die volle Prämie erhält. Beim Partnership schließlich machen zertifizierte Freelancer als einzelne oder Gruppe ein Dienstleistungsangebot, die IBM behält sich die Annahme vor. Die Leistungsdaten der Freelancer werden fortlaufend erfasst und zum Integrierten Digitalen Reputations-Index kondensiert.

Irgendwie hat man den Eindruck, dass das Volk durch TV-Castingshows und Dschungelcamps schleichend an Auslese und groteske Wettkämpfe gewöhnt wurde, sodass man die IBM-Show für ganz normal halten könnte.

Im Deutschland des Betriebsverfassungsgesetzes und der Betriebsräte wird nicht jeder abenteuerliche Plan so umgesetzt, wie sich das neoliberale Sehnsüchte wünschen. Von daher dürfte der IBM-Entwurf vermutlich noch durch einige kräftige Mühlsteine abgeschliffen werden. Offensichtlich haben sich bei den Protesten innerhalb der IBM auch schon Erfolge seitens der Mitarbeiter und Betriebsräte gezeigt. Dennoch setzt Liquid für andere Manager und Unternehmen ein Zeichen, wo die Reise hingehen sollte, wenn man denn freie Hand hätte.

Die beschriebenen Voraussagen zur Zukunft der Arbeit können noch nicht zufriedenstellen. Sie gehen zum Teil etwas zu flapsig über die Berufsbiografien und Schicksale der Beschäftigtengruppen hinweg. Es sollte schärfer nachgefragt werden, was die Beschäftigten, z.B. in der Industrie 4.0 erwartet und welche Gestaltungsspielräume dort vorhanden sind? Brisant auch der Moloch der digitalen Serviceökonomie, wozu u.a. Clickworker, Callcenter-Beschäftigte, Paketfahrer zählen. Über ihre Arbeit wird wenig nachgedacht, weder in der Politik noch in den Wissenschaften, obwohl sie immer stärker zum Auffangbecken wird. Und welche „Nebenfolgen“ handeln wir uns durch die Polarisierung bei Qualifikationsanforderungen und Einkommen ein? Dazu mehr in der Ansichtssache Nr. 11 Die digitale Serviceökonomie – Abstellkammer für das neue Dienstleistungsproletariat?

Querdenker und Weltverbesserer im Schatten der Start-ups

Ansichtssache Nr. 9 von Arno Rolf

Google & Co. stehen wegen ihrer Macht und der Versuche in der Kritik, zahlreiche Branchen mit ihren unglaublich gebrauchstauglichen Innovationen zu monopolisieren: Eine von ihnen beherrschte digitale Gesellschaft sei unverträglich mit der Sozialen Marktwirtschaft, so der Vorwurf. Wenig beeindruckt davon machen Google & Co. weiter Beute mit überzeugenden Innovationen und ihren alles vereinnahmenden Spinnennetzen.

In Deutschland werden große Hoffnungen auf Start-ups gesetzt. Sie sollen mithelfen, den Prozess der Disruption der sozialen Marktwirtschaft zu stoppen und verlorenen Boden von den kalifornischen Internetkonzernen zurück  erobern.

Kaum im Fokus von Medien und Politik stehen die Internetaktivitäten der Querdenker und Weltverbesserer. Ihre Bedeutung wie ihr Beitrag für die digitale Transformation werden kaum zur Kenntnis genommen und weit unterschätzt. Ihre Power, Gesellschaft zu verändern, ist in Deutschland nicht minder stark wie die der Start-ups.

Querdenker können oft über ihr Fachwissen hinaus einen umfangreicheren Horizont einbringen. Sie besitzen häufig einen breiten Erfahrungshorizont und verfügen über flexible, unorthodoxe Denkstrukturen. Es sind manchmal Menschen mit oft ungewöhnlichen Lebenswegen. Sie passen sich weniger als andere an und drehen gern noch mal eine zusätzliche Denkschleife.

Weltverbesserer sind Menschen mit einem stark ausgeprägten moralischen Impetus. Sie gehen trotz mancher Schmähungen ihren Weg. Sie haben damit manchmal auch Erfolg, die Welt im Kleinen wie im Großen zum Besseren zu verändern. Auch große Denker, Wissenschaftler oder Autoren werden oft mit dieser Metapher belegt. Andere sehen in ihm Menschen, die sich nicht anpassen wollen, depressiv sind und alles eher negativ sehen.

Querdenker und Weltverbesserer haben durch das Internet eine mächtige Plattform bekommen. Vor allem durch die Möglichkeit, sich vernetzen zu können. Ein aktuelles Beispiel sind die Blogger von netzwerk.org, die immerhin, wenn auch ungewollt, den Generalbundesanwalt stürzen konnten.

Eine umfangreiche Auflistung der „Weltverbesserer-Communities“ im Internet findet sich unter socialbar.de. Dort werden u.a. der Wikipedia-Klon Appropedia mit „architecture for humanity“ erwähnt sowie GreenAction, die offene Mitmach-Plattform für Organisationen, Initiativen und Einzelpersonen. Bei der Kampagnen-Community kann jeder aktiv werden und eigene Kampagnen entweder schalten oder mit Umweltaktiven vernetzen. AVAAZ.ORG ist eine internationale NGO, die politische Kampagnen in allen Bereichen organisiert und durchführt. Schließlich noch das soziale Netzwerk hilfswelten.de, das sich für Projekte zur Kinder- und Altenhilfe einsetzt.

Auch Universitäten sind für junge Wissenschaftler ein geschützter Raum, wo sie für einige Zeit ihren sozialen Anliegen nachgehen können, z.B. im Bereich Ökologie und Nachhaltigkeit. Von Google & Co. ist zu diesen Themen wenig zu hören. So haben sich junge Informatiker die Frage gestellt, weshalb nur über Geschäftsprozesse und Wertschöpfungsketten gelehrt und geforscht wird, aber nicht über Schadschöpfungsketten, also über den Ausstoß von Schadstoffen und den Ressourcenverbrauch, der mit industriellen Produktionsprozessen verbunden ist. Daraus sind Softwareprogramme zur Erstellung von Ökobilanzen und Stoffstromnetzen entstanden. Die Start-up-Ausgründung setzt heute weltweite Standards für Ökobilanzen.

Der akademische Nachwuchs hat die Digitalisierung, stark vorangetrieben. Die Forschungslandschaft ist so erheblich vielfältiger geworden. Es gibt bereits viele etablierte Open-Source-Projekte. Neue Forschungspraktiken haben den Wissenschaftsprozess geöffnet. So nutzen etwa sog. Opening Science- oder Citizen Science-Projekte neue Kommunikationsformen, um ihre Erkenntnisse „unters Volk zu bringen“.

Man kann natürlich über die Motive der Querdenker und Weltverbesserer lange diskutieren. Der MIT-Wissenschaftler Ethan Zuckerman (Spaß am Zerstören, SZ 22.7.15) vermutet, dass diese, aus welchen Gründen auch immer, Institutionen und Politik ablehnen. Und sie wollen auch nicht für Google & Co. oder Banken arbeiten, sondern deren Macht angreifen. Mit ihrer informationstechnischen Kompetenz versuchen sie gegen Machtverdichtung oder die Verletzung von Persönlichkeitsrechten anzukämpfen. Die Option zur Wahl zu gehen, so Zuckerman, ist für junge Querdenker und Weltverbesserer dagegen von geringer Attraktivität.

Es mag ein möglicher Weg sein, mit dem Frust über den Verlauf der Digitalisierung umzugehen. Zu erinnern ist daran, dass politische Einflussnahme in der digitalen Gesellschaft mindestens drei Optionen kennt: Man kann wählen gehen, oder zweitens beispielweise gegen die Verletzung der Privatsphäre demonstrieren, oder schließlich seine informationstechnische Kompetenz einsetzen, um Tools zu programmieren und zu verbreiten, wie etwa die Verschlüsselungssoftware Tor. Alle Optionen brauchen eine demokratische Gesellschaft mit funktionierenden Institutionen: aber auch Demos für bessere Datenschutzgesetze sowie hilfreiche Softwaretools, um etwa Mails zu schützen.

Es macht keinen Sinn, Institution grundsätzlich abzulehnen und sie zu bekämpfen. Querdenker und Weltverbesserer mit ihren Aktivitäten können neue Wege weisen, die auf Machtkonzentrationen und Defizite hinweisen und sie können bessere, meist technische Alternativen anbieten.

Ohne Institutionen ist es aussichtslos, Internetmonopolisten in die Schranken zu weisen. Zurecht weist der Verfassungrechtler Michael Meyer-Resente daraufhin: „Google fürchtet sich erheblich weniger vor Netzaktivisten als vor der Europäischen Kommission, die versucht, Machtkonzentration zu unterbinden“ (Ohne Institutionen keine Demokratie, SZ 31.7.15).

Bei der vorliegenden, etwas anspruchsvolleren Ansichtssache sollte hängenbleiben sein: Start-ups stehen stark im Scheinwerferlicht. Tatsächlich haben die im Schatten werkelnden Querdenker & Weltverbesserer für die digitale Transformation ein nicht minder großes gesellschaftliches Veränderungspotenzial. Ihre Aktivitäten schauen oft wie zarte Pflänzchen aus dem Boden, sie benötigen oft eine längere Reifezeit. Sie werden natürlich auch deshalb gern übersehen, weil sie nicht mit dem herrschenden ökonomischen Mainstream übereinstimmen, oft unbequeme Frage stellen. Von den Förderinstitutionen werden sie nicht gerade gepäppelt.

Die zurückliegenden Ansichtssachen haben sich mit wichtigen Playern der digitalen Transformation beschäftigt: Es wurde auf Google & Co, die EU-Kommission und die Monopolkommission sowie auf Start-ups und Querdenker & Weltverbesserer eingegangen. Offengeblieben sind die „Nebenfolgen“ der digitalen Transformation für die Zukunft der Arbeit und den Arbeitsmarkt. Ein sehr kontroverses Thema wie sich in der Ansichtssache 10 herausstellen wird.

 

 

Start-ups, unsere Trüffelschweine für digitale Innovationen?

Ansichtssache Nr. 8 von Arno Rolf

Start-ups gelten heute als die Impulsgeber und Schöpfer von Innovationen. Unternehmen scheinen aufgrund ihrer Hierarchien im Zeitalter der digitalen Transformation dafür nicht besonders geeignet zu sein. Sie hinken hinterher. Die Tüftler in den Start-ups sind heute in der Rolle der „Trüffelschweine“ der digitalen Transformation.

Politik und Medien setzen große Hoffnungen auf Start-ups. Sie sollen die Rolle des Wachstumsmotors übernehmen und wie in Kalifornien wettbewerbsfähige Produkte und Dienstleistungen schaffen. Zugleich verspricht man sich innovative Arbeitsplätze. Start-ups sind bei der jungen Generation absoluter Lifestyle. Sie werden zuweilen mit der Botschaft hochgejazzt, dass auch in Deutschland neue Silicon Valley entstehen können, wenn nur viele junge Leute mitmachen.

Die Akteure in Start-ups sind zumeist gut ausgebildet. Laut einer Umfrage des deutschen Start-up-Verbandes haben 42 Prozent der Hamburger Gründer ein Wirtschaftsfach studiert, 12 Prozent Informatik oder Mathematik und weniger als etwa acht Prozent sind Ingenieure. Gemeinsam ist ihnen, dass sie eine Idee leidenschaftlich verfolgen, die sie in überschaubaren Projekten realisieren wollen. Sie verspüren wenig Lust, in Hierarchien unterzugehen.

Die große Begeisterung der Start-up-Beschäftigten für ihr Projekt geht oft einher mit der Vernachlässigung, sich zur Berücksichtigung ihrer Interessen zu organisieren. Sie sind selten in Berufsverbänden, Gewerkschaften oder Genossenschaften organisiert. Sie sind häufig arbeitsrechtlich „vogelfrei“, ohne eigentlich selbstverständliche Rechte. In Start-ups sind die Hierarchien flach und wohlklingende Titel schnell vergeben. Manche hoffen auf den großen Investor, der mit dem Geldkoffer durch die Tür tritt. Einige Dollar-Mrd.-Geschäfte wie die Verkäufe von Nest an Google oder What´s App an Facebook verbreiten diese Hoffnung. Sie werden für alle zur Bewunderung ins globale Medien-Schaufenster gestellt.

Viele Start-ups sehen ihren Job darin, die Schnittstelle zwischen den Geschäftsprozessen der Unternehmen und den Smartphones der Konsumenten zu verbinden. Es geht darum, Services zu entwickeln, die die Produkte und Dienstleitungen der Unternehmen über Apps auf Smartphones oder Tablets bringen, damit die Nutzer bequem und komfortabel ihre Konsumwünsche realisieren können. Es ist das Großprojekt, vor dem alle Unternehmen stehen, die „alte“ Ökonomie in die digitale Transformation zu überführen. Ein zweites Feld sind die Essenslieferdienste. Sind die Unternehmen der „alten“ Ökonomie mit der Digitalisierung zögerlich, so wird es sie bald nicht mehr geben, weil andere, oft Google, Apple, Facebook & Co. das Geschäft übernehmen. Anschauungsunterricht für existentielle Kämpfe liefern in diesen Tagen Banken mit Fintech-Aktivitäten, Versicherungen, das Taxigewerbe und zahlreiche weitere Branchen.

Die Start-up-Szene wird in Deutschland durch öffentliche Förderprogramme unterstützt. So erhielten beispielsweise 55 Prozent der Berliner Startups während der Gründung Mittel von einem öffentlichen Geldgeber. In den USA gibt es das nicht, dafür aber eine professionelle Wagniskapital-Umgebung.

Die heutige Realität sieht leider so aus, dass 11 von 12 Startups scheitern, sie die ersten drei Jahre nicht überleben und sich in dieser Zeit oft als Kümmerexistenzen verdingen müssen (http://www.gruenderszene.de/allgemein/warum-startups-scheitern). Natürlich gibt es in Deutschland auch erfolgreiche Start-ups, insbesondere in der Gamebranche.

Warum scheitern so viele Projekte? Ist die Wagniskapitalfinanzierung in Deutschland zu schwach bzw. ohne den nötigen langen Atem? Werden die Start-ups in Deutschland nach der Förderphase zu schnell allein gelassen und reicht es deshalb kaum zur Internationalisierung? Reichen die bestehenden Beratungsleistungen, die Business Angels, die Inkubatoren und Acceleratoren sowie die Angebote, die das finanzielle Überleben sichern, aus? Offensichtlich scheitern zu viele gut ausgebildete junge Leute. Die Aussage, Scheitern sei ein gutes Training fürs Leben, ist zynisch.

Man muss auch genauer hinschauen, was bei den Start-ups eigentlich unter Innovationen verstanden wird. Zweifelsohne ist es wichtig, die digitale Transformation der „alten“ Branchen voranzubringen. Dort geht es vorwiegend um Innovationen im Business-to-Consumer-Bereich (B2C). Das allein sind sicherlich nicht die Innovationen, die Deutschland im globalen Wettbewerb mit Silicon Valley voranbringen.

Die relevanten technischen Innovationen werden auch heute noch überwiegend in Hochschulen und von großen Unternehmen realisiert und finanziert. Hier vor allem könnten die Start-ups mit gut ausgebildeten Absolventen die Brückenfunktion zur Anwendung übernehmen. Der agile Nachwuchs sollte vor allem für diesen Bereich qualifiziert und angeregt werden, Start-ups zu gründen. Denn die Anzahl der Start-ups, die sich an die für Deutschland so wichtigen Zukunftsfelder Internet der Dinge, Smart Factory, Industrie 4.0, Smart City, E-Health heranwagt, ist heute noch sehr überschaubar. Bei der Industrie 4.0 geht es immerhin um den Erhalt der Weltmarktposition des deutschen Maschinenbaus.

Manche sprechen von der Start-up-Szene wegen der vielen Misserfolge schon von einer „Cloud der Illusionen“. Richtig ist wohl, dass Silicon Valley eine ganz andere Geschichte hat, die nicht kopiert werden kann. Deutschland muss eine eigene Geschichte entwickeln und erzählen können, ohne den Mühlstein Silicon Valley am Hals. Ideen dafür finden sich in den genannten Zukunftsfeldern, in denen die deutsche Industrie immer schon stark war.

Start-ups stehen im Scheinwerferlicht der Medien, die Internetaktivitäten von Querdenkern und Weltverbesserern dagegen im Schatten. Ihre Rolle für Gesellschaft und Politik wird unterschätzt. Deshalb wird es  in der Ansichtssache 9 um diese Gruppe gehen.

Die digitalen Irrtümer der Monopolkommission

Ansichtssache Nr. 7 von Arno Rolf

Zwischen dem Präsidenten der Monopolkommission Daniel Zimmer und den EU-Kommissaren Margreth Verstager und Günther Oettinger gibt es über den Umgang mit Google & Co. einen grundlegenden Konflikt. 

Die EU will in einem formellen Verfahren gegen Google vorgehen. Der Vorwurf lautet, Google rücke in seiner Suchmaschine eigene Produkte nach vorne, was die Konkurrenten benachteilige. Günther Oettinger will die Marktmacht von Google, Facebook & Co. unter die Lupe nehmen. Googles Verhalten verstoße gegen das EU-Kartellrecht, es behindere den Wettbewerb.

Daniel Zimmer, Chef der Monopolkommission ist da ganz anderer Meinung (Spiegel-Interview, 20/2015). Er sieht eine Ursache für die Stärke der kalifornischen Internetkonzerne in der Überregulierung deutscher Unternehmen. Monopole bei digitalen Diensten sind für ihn das Ergebnis normalen Marktgeschehens. Das sei aber gar nicht so schlecht, denn solange Monopolrenditen winken würden, würde das Erfindergeist und Innovationen kräftig pushen.

Wenn sich diese Auffassung durchsetzt, dann können die EU-Wettbewerbskommissare Verstager und Oettinger ihre Arbeit einstellen. Im Übrigen, so Daniel Zimmer, sei kein Monopol von Dauer.

Unstreitig scheint zu sein, dass Internetkonzerne heute in der Lage sind, Monopole zu errichten, Wettbewerb auszuschließen und immer mehr Bereiche auch der „alten“ Ökonomie und Lebenswelt zu besetzen.

Was aber ist mit dem Argument von Daniel Zimmer, Monopole halten ja eh nicht ewig? Auch digitale Monopole, so hört man häufig, werden irgendwann von anderen mit einer besseren Idee vom Sockel gestoßen. Die Metapher disruptive innovations gelte auch für die, die gerade auf dem Podest stehen. Als Belege werden dann gerne Nokia, IBM und Microsoft genannt.

Wäre es so, dann hätten wir es in der Folge wahrscheinlich mit einem anderen noch mächtigeren Spinnennetz zu tun. Es mag auch sein, dass das ein oder andere Geschäftsmodell von Google, Facebook, Apple & Co durch eine bessere Innovation eines Newcomers zerstört wird. Ein Spinnennetz hält das aus. Denn anders als IBM und Microsoft, die IT-Monopole zwar innehatten, aber mit ihrer Technik nicht ganze Branchen beherrschen konnten, sind Google & Co. bereits in alle Poren der globalen Ökonomie eingedrungen und weiter auf dem Vormarsch, zahlreiche Branchen in Monopole zu verwandeln. Es macht einen Unterschied, ob ich Rechner und Software vertreibe, die von vielen Branchen zur Automation eingesetzt werden oder ob ich mit meinen Produkten diese Branchen nach und nach beherrsche.

Und wie ist es mit der Meinung Zimmers bestellt, die Ursache für die Stärke der kalifornischen Internetkonzerne liege in der Überregulierung deutscher Unternehmen? Politiker sind, wie viele andere auch, vom Mythos Silicon Valley fasziniert. Sie unternehmen große Anstrengungen, dieses kontinuierlich gewachsene Innovationsmillieu durch Forschungsförderung „nachzubauen“.

Doch die Geschichte von Silicon Valley als Treibhaus für weltweite Innovationen ist tatsächlich viel komplexer. Schon in den dreißiger Jahren entstand dort der „Stanford Industrial Park“. Nach erfolgreichen Projekten, u.a. durch William Hewlett und David Packard im Jahre 1938, begann die Rüstungsindustrie und das amerikanische Verteidigungsministerium Forschungszentren im Silicon Valley einzurichten. Ihren Namen erhielt die Region durch die Herstellung von Transistoren auf Basis des Halbleiters Silizium („Silicon“) durch William Shockley und die Firma Lockheed.

Um den Nucleus der Universität Standford versammelten sich seit Ende der 60er Jahre nicht nur die amerikanische Rüstungsindustrie, sondern auch Tüftler und Frickler. Talente aus der ganzen Welt fühlten sich angezogen, wahrscheinlich auch durch den Schmelztiegel von Leuten der Hippie-Generation. Einige von ihnen hatten den Ehrgeiz, einen Computer als Werkzeug für ihre Bedürfnisse zu entwickeln. Dieses Potential war für Militärs, etablierte IT-Unternehmen und bald auch für Investmentfonds und anlagesuchende Millionäre hoch attraktiv. So konnte ein Schmelztiegel aus Talenten, Dollar-Mrd. und Internetgiganten entstehen. In vielen Ländern wurde erfolglos versucht, das zu kopieren. Heute residieren dort die Internetkonzerne und bestimmen von diesem Tal aus den Lauf der digitalen Transformation. Sie haben eine große Routine darin entwickelt, jedes innovative Pflänzchen mit ihren Dollar-Mrd. in ihren blühenden Garten umzutopfen. Diese Dollar-Mrd. machen das Zehnfache der privaten europäischen Töpfe aus.

Die Argumente Zimmers, die Stärke der kalifornischen Internetkonzerne liege in der Überregulierung deutscher Unternehmen sowie kein Monopol sei von Dauer, greifen da arg kurz.

Das Internet besteht nun allerdings nicht nur aus den Monopolisten Google, Facebook & Co., über deren Herrschaftsansprüche sich die EU-Kommissare zurecht Gedanken machen. In deren Windschatten segeln viele Start-ups. Anlass sich mit ihren Motiven, Hoffnungen und Chancen in der Ansichtssache 8 zu beschäftigen und zu fragen, ob sie in Deutschland die Rolle die „Trüffelschweine“ der digitalen Innovationen übernehmen können?

„Sterntaler“ für Google, Facebook & Co.

Ansichtssache Nr. 6 von Arno Rolf

Den Internetkonzernen Google, Facebook, Apple & Co. fallen nebenbei und ohne ihr Zutun „Sterntaler in den Schoß“, heute Big Data genannt.

Die Taler der Internetgiganten sind Namen, Adressen, Kreditkartennummern, Konsumgewohnheiten, Beziehungen, private Netzwerke und vieles mehr, die Nutzer bei der Internetnutzung hinterlassen. All diese Datenquellen können zur Profilbildung der Nutzer verdichtet werden. Ihr Verhalten wird so einschätzbar und steuerbar. Damit verfügen die Konzerne über eine erhebliche Macht, das Konsumverhalten zu manipulieren. Wer garantiert, dass sie hier haltmachen und nicht politische und gesellschaftliche Einstellungen beeinflussen werden?

Sollten staatliche Stellen in Deutschland über dieses Datenfüllhorn verfügen, quasi im Besitz unserer digitalen Identität sein, ein Volks- zumindest ein Medienaufstand stünde an. Mit amerikanischen Internetkonzernen ist man da als Nutzer offensichtlich nachsichtiger.

Über die Suchmaschine werden für Google viele kommerzielle Aktivitäten wie das Verhalten der Konsumenten transparent. So lassen sich auch erfolgreiche Geschäftsmodelle Dritter identifizieren und konkurrierende Modelle etablieren. Zu Googles Strategie gehört, die Suchergebnisse für ihre Produkte auf Seite eins zu platzieren. Über die Suchmaschine identifizierte attraktive Geschäftsmodelle Dritter können so entweder aufgekauft werden oder es wird versucht, Wettbewerber mithilfe des angesammelten Datenschatzes gar nicht erst nach oben, d.h. auf die attraktiven Seiten kommen zu lassen. Wen wundert es da, wenn der Mitbewerber dann in der Suchmaschine im Orkus der Unendlichkeit verschwindet und quasi virtuell aufhört zu existieren? Auch Amazon und Facebook besitzen vergleichbare Möglichkeiten.

Innovative Unternehmen werden auf diese Weise ins Abseits gedrängt und am Überleben gehindert. Innovationen werden behindert und Verbraucher irregeführt.

Dieses alles zusammen mit dem Geburtsfehler des „Ich-gebe-euch-meine-Daten-und-alles-ist-für-mich-umsonst-Mentalität“ konnten die Internetkonzerne ihre Dominanz entwickeln. Neue Geschäftsmodelle, Produkte und spezielle Plattformen, die für die Nutzer über Apps mit einem Höchstmaß an Bequemlichkeit und Komfort abrufbar sind, machen es den traditionellen Branchen schwer zu überleben.

Google, Facebook, Apple & Co. wird die Zukunft gehören: Mit der Verfügung über unsere Daten sind sie im Besitz der Ressource, aus der zukunftsfähige digitale Geschäftsmodelle kreiert werden können. Dieser Datenschatz ist die Basis, neue gebrauchstaugliche Bedürfnisse und Strategien auszuhecken, um neue Märkte zu etablieren und die „alte“ Ökonomie nach und nach in die Bredouille zu bringen.

Die kalifornischen Internetkonzerne sind bislang so vorgegangen, um ihre Spinnennetze zu weben: Sie haben  zahlreiche Dienste und Produkte um ihr jeweiliges „Quellprodukt“ herum entwickelt oder zugekauft: So Apple mit Tablets, Smartphones, iOS-Betriebssystem und dem Appstore; Amazon u.a. mit der Ausweitung seiner Angebotspalette auf Rechenzentren und den Kindle eReader; Google u.a. mit dem Android-Betriebssystem und Kartendiensten; Facebook, u.a. mit dem Foto- und Video-Sharing-Dienst Instagram und dem Messenger WhatsApp. Auf diese Strategie werden sie auch in Zukunft setzen.

Neue Produkte werden um diese Kerne herum entwickelt, zugekauft oder von Konkurrenten aufgrund des vorhandenen Datenschatzes einverleibt.  Erfolgversprechende Start-ups werden „assoziiert“, d.h. sie binden ihre Arbeit und ihr Schicksal an die Erzählung von Google, Facebook & Co.. Allianzen mit interessanten Playern, z.B. in der Automobilindustrie werden eingegangen, um in die „alte“ Ökonomie vorzudringen. Umgekehrt suchen die Unternehmen der „alten“ Ökonomie Kooperationen, um nicht von der Digitalisierung abgehängt zu werden. Permanente Eigenentwicklungen runden die Strategie ab.  All das zu dem Zweck, über das ursprüngliche Geschäftsmodell hinaus, mit neuen Produkten und Dienstleistungen nach und nach in viele Branchen und in gewachsene ökonomische Strukturen einzudringen. Das Ziel ist, durch überlegene digitale Angebote, die mehr Komfort und Bequemlichkeit anbieten, globale Monopole zu errichten.

Der Wettbewerb auf einem Markt wandelt sich so durch Google & Co.  zu einem Wettbewerb um einen Markt. Netzwerkeffekte und Synergien der Internetkonzerne erlauben laut Monopolkommission Hebeleffekte mit „Übertragung der Marktposition von einem beherrschten Markt auf andere beherrschte Märkte“. Der Vorsitzende der Monopolkommission Daniel Zimmer vertritt die Auffassung, dass viele digitale Unternehmen eine Tendenz zum Monopol haben. Das sei aber gar nicht so schlecht, denn solange Monopolrenditen winken würden, würde das Erfindergeist und Innovationen kräftig pushen. Auch der deutsch-kalifornische Investor und Milliardär Peter Thiel reist mit dieser Message um die Welt und begeistert damit viele Start-up-Gründer. Im Übrigen würde, so der Präsident der Monopolkommission, „kein Monopol von Dauer sein“. Ob er da nicht einer riskanten Illusion unterliegt? Dazu mehr in der Ansichtssache 7.