Der Fahrstuhl zum Penthouse

Ansichtssache Nr. 12 von Arno Rolf

Das Wachstum der Serviceökonomie durch Digitalisierung gibt Hinweise auf eine Aushöhlung der Middle-class-income-jobs. Welche gesellschaftlichen „Nebenfolgen“ handeln wir uns damit ein? Und könnten sich dann ganz unerwartete Koalitionen bilden?

Der Harvard-Ökonom Katz vergleicht die Gesellschaft der USA mit einem instabilen Haus: Ganz oben sehen wir ein Penthouse, das durch seinen Reichtum bombastische Ausmaße angenommen hat und die Statik des gesamten Gebäudes überfordert. Ganz unten überfüllte Untergeschosse, die den Zufluss aus den Mitteletagen kaum noch aufnehmen können. Im mittleren Teil des Gebäudes herrscht Leerstand. Der mit Menschen besetzte Fahrstuhl fährt von den Mitteletagen nur nach unten. Er hat keine ausreichende Energie mehr, Menschen von unten in die mittleren Etagen zu befördern. Die Mechaniker sind nicht willens oder überfordert und nur im Besitz sich konträr widersprechender Reparaturanleitungen. Für die Bewohner der Untergeschosse steht ein umfangreiches Angebot an Events bereit. Auf deutsche Verhältnisse übertragen, sind die Bewohner des Untergeschosses eh über Magazine wie die Gala  beim Treiben der Leute in der Penthouse-Etage dabei. Und nun stürzt die Herausforderung der digitalen Transformation auf dieses deformierte Gebäude ein.

Realistisch über den Tag hinaus beschrieben erscheint die digitale Zukunft der Arbeit im Essay Das digitale Evangelium von Hans Magnus Enzensberger. Interessanterweise hat er diesen bereits im Jahr 2000 verfasst. Seine Einschätzung bringt die Klasseneinteilung der digitalen Gesellschaft auf den Punkt. Es ist eine heute noch aktuelle Aussage über die „Nebenfolgen“ der digitalen Transformation unter der ausschließlichen Zielsetzung der Ökonomisierung.

Ganz oben rangieren laut Enzensberger die Chamäleons, die Workaholics, die mit der materiellen Produktion nichts zu tun haben. Es sind Agenten, Makler, Vermittler, Anwälte, Consultants, Wissenschafts-, Geld- und Informationsmanager. Ihre abstrakteste Form findet sich in Finanzkonzernen. Diese Klasse, die einst Überbau genannt wurde, schöpft traumhafte Gewinne ab, von denen andere nur träumen. Eine zweite Klasse nennt Enzensberger Igel, weil sie, bei hoher Sesshaftigkeit, ein Mangel an Flexibilität auszeichnet. Ihr Gehäuse sind Institutionen, also Behörden, Verwaltungen, Verbände. Die Biber, die „handfest arbeitenden Malocher“ in den klassischen Produktivitätssektoren, werden durch Automatisierung, Rationalisierung und Auslagerung in Niedriglohnsektoren weiter schwinden. Die vierte Unterklasse passt nicht in den Tugendkatalog des digitalen Kapitalismus und ist daher aus Enzensbergers Perspektive überflüssig, sie nimmt in den reichen Ländern jedoch stetig zu. Sie leben in den Untergeschossen des Penthouses. Es sind die Arbeitslosen, Asylbewerber, Leute ohne Berufsausbildung, allein erziehende Frauen. Der digitale Kapitalismus, so Enzensberger, wird die Tendenz zu diesen für überflüssig Erklärten verschärfen, da ein großer Teil der Bevölkerung den Anforderungen, die er stellt, schlechterdings nicht gewachsen ist[1]. Zu ergänzen wäre die Klasse der Systemtechniker, die die digitale Transformation informationstechnisch und ökonomisch voranbringt. Sie besteht vor allem aus Informatikern, Ingenieuren, Softwareentwicklern und Betriebswirten. Seit dem Jahr 2000 hat diese Klasse enorm an Bedeutung gewonnen. Sie gehören zu denen, die sich in den Mitteletagen wohnlich einrichten können.

Eine zeitgenössische, erfrischend polemische Stimme ist die von David Graeber, Professor für Anthropologie an der London School of Economics. Er nimmt eine sehr provokante Bewertung der Hausbewohner vor: Je stärker ein Job anderen Menschen nützt, umso schlechter wird er bezahlt, siehe Pfleger, Krankenschwester, Sozialarbeiter, Kita-Personal, Physiotherapeut etc. Für Graeber ist der Maßstab für gesellschaftliche Nützlichkeit die Beantwortung der Frage, was passieren würde, wenn die ganze Sorte von Beschäftigten in Gänze entfallen würde. Wenn Krankenschwester, Müllmänner, Lehrer oder Mechaniker auf einen Schlag wegfielen, so käme das einer sozialen Katastrophe gleich. Auch ohne Schriftsteller und Musiker wäre die Welt deutlich ärmer. Aber nach Graebers Meinung ist nicht ganz klar, ob etwas an Menschlichkeit verloren ginge, falls Investmentmanager, Lobbyisten, Public Relations-Manager, manche Verwaltungsleute, Telefonverkäufer, Anwälte in internationalen Schiedsgerichtsverfahren oder ähnliche Jobs verschwinden würden. Er nennt sie Bullshit-Jobs[2].

Im Untergeschoss finden wir auch einige schlechtbezahlte Service-ökonomie-Jobs, die nur deshalb so boomen, weil andere soviel arbeiten. Viele haben keine Zeit mehr für die Abwicklung persönlicher Dinge, sie schaffen so neue Jobs, z.B. für Pizza-Auslieferer, die 24 Stunden parat stehen. Auch das enorme Wachstum der Bestellungen bei Amazon dürfte hier eine Ursache haben. Als weitere „kleine Nebenfolge“ dieser Entwicklung erkennen wir die Expansion der Paket- und boomenden Lieferdienste. Nach Schätzungen von Prof. Heinz Bude vom Hamburger Institut für Sozialwissenschaften liegt das Nettoeinkommen in der Serviceökonomie zwischen 900 und 1100 €.

Brisant kann die geschilderte Entwicklung für unsere Gesellschaft werden, wenn sich daraus eine riskante Melange entwickelt. Stellen wir uns vor, dass sich das Dienstleitungsproletariat der Callcenteragenten, Clickworker, Paketfahrer mit den Gutausgebildeten, häufig sind es Akademiker und junge Familien, in ihrem Unmut vereinen. Ihnen werden täglich die Einkommen der Pleite-Banker, banale Weisheiten von überheblichen Consultants und Baulöwen, substanzlose Sprüche der Promis sowie unkompliziert wechselnde Politiker ohne spezifische Kompetenz in hochbezahlte Wirtschaftsjobs präsentiert, die sich dann zu einer Melange auf Charitie-Parties treffen und dort ihre Netzwerke knüpfen. Diese Gemengelage der Wirklichkeitsverweigerer pusht die Frustrationen derjenigen, die aufgrund ihrer Ausbildung und ihrer Kinder den Aufenthalt in den Mitteletagen beanspruchen und sich abkämpfen, nicht im Untergeschoss zu landen.

„Brenzlig wird es“, so noch einmal Heinz Bude, „wenn sich die Ignorierten aus dem Dienstleistungsproletariat mit den Verbitterten aus der gesellschaftlichen Mitte mit Blick auf einen Sündenbock verbünden für den Auftritt eines autoritären Rebellen.“ In Adam Smith Buch „Theorie der ethischen Gefühle“ (1759) findet sich der Satz: „Gerechtigkeit dagegen ist der Hauptpfeiler, der das ganze Gebäude stützt“.

Nach dieser hoffentlich noch abzuwendenden Dystopie soll nachgefragt werden, was die Beschäftigten in der so oft zitierten Industrie 4.0 erwartet und welche Gestaltungsspielräume es dort gibt?

[1] Hans Magnus Enzensberger: Das digitale Evangelium, In: DER SPIEGEL 2/2000, S. 92 – 101.

[2] David Graeber: On the Phenomenon of Bullshit Jobs, In; Strike!Magazine.

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