Die Zukunft der Arbeit – Prophezeiungen und Sehnsüchte

Ansichtssache Nr. 10 von Arno Rolf

Was sind die „Nebenfolgen“ der digitalen Transformation für die Zukunft der Arbeit. Die Einschätzungen sind hier uneinheitlich, oft pauschal und spekulativ.

Häufig  genannt werden die beiden MIT Sloan School- Wissenschaftler Erik Brynolfsson und Andrew McAfee. In ihrem Bestseller „The Second Machine Age“ kündigen sie einen gewaltigen Produktivitäts- und Wachstumsschub an. Beispielhaft demonstrieren sie das, indem sie eine Verbindung zwischen dem steilen Aufstieg des sozialen Foto-Netzwerks Instagram und dem tiefen Fall des analogen Camera- und Filmherstellers Eastman/Kodak bis zu seiner Insolvenz herstellen. Eastman/Kodak hatte in besten Zeiten 145.000 überwiegend Middle-Class-Jobs. Zum Zeitpunkt des Verkaufes an Facebook waren bei Instagram 12 Mitarbeiter beschäftigt. Der Arbeitnehmer werde den Wettlauf gegen Computer und Roboter durch Entkopplung der digitalen Produktivitätsschübe vom Einkommen der breiten Masse verlieren.

Oft genannt auch die Studie der Oxford-Wissenschaftler Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne. Sie haben die internationale wissenschaftliche Literatur analysiert hinsichtlich der Auswirkungen der Digitalisierung für über 700 Berufe in den USA.

47 Prozent aller amerikanischen Beschäftigungsverhältnisse sind danach innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte stark gefährdet. In der ersten Welle werden die meisten Arbeiter im Transport- Logistik- und Fertigungsbereich zusammen mit einem Großteil der sachbearbeitenden Tätigkeiten in Büro und Verwaltung betroffen sein. Ein substantieller Teil der Beschäftigten im Service und Verkauf steht ebenfalls auf ihrer Liste, u.a. Telefonverkäufer, Buchhalter, Fremdenführer, Immobilienverkäufer, Busfahrer. Auffällig für  Frey/Osborne ist die Aushöhlung der Middle-class-income-jobs.

Zur Kategorie mit geringem Risiko werden Tätigkeiten wie Krankenschwester, Sozialarbeiter, Erzieher, Kulturbeschäftigte, Medien-, Anwälte, Computerexperten, Ingenieure und Naturwissenschaftler gezählt. Auch Tätigkeiten im Management-, Business- und Finanzbereich und hier vor allem Generalisten, die mit sozialer Intelligenz wuchern können, haben gute Chancen.

Mit der gleichen Methodik der beiden Briten hat das Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim für Deutschland herausgefunden, dass 42 Prozent der Beschäftigten in Berufen arbeiten, die sich in den nächsten zwei Jahrzehnten automatisieren lassen. Allerdings sei zu berücksichtigen, dass nur 12 Prozent aller Beschäftigten in diesen bedrohten Berufen arbeiten.

Auch die Szene der Managementberater erobert gerade das Feld der digitalen Prophezeiungen. So etwa der Netzökonom Holger Schmidt. Einige Auszüge aus seinen „25 Thesen zur Zukunft der digitalen Arbeit“: „Unternehmen greifen für die Erbringung spezifischer Leistungen immer weniger auf die dem Unternehmen fest verbundene workforce zurück. Globale Transparenz von Skills …führen zu einem <hiring on demand>. Statt auf Mitarbeiter setzen Unternehmen immer mehr auf Kunden. Viele (digitalisierbare) Leistungen werden von Begeisterten freiwillig und unentgeltlich erbracht … Freiwillige digitale Arbeit ersetzt dabei professionelle Beschäftigung. Büros dienen nur noch dem Netzwerken – nicht mehr der Arbeit. Digitale Arbeitskräfte sind in Form individueller Datenpakete quantifizierbar – ihre Kompetenzen, Erfahrungen, Kapazitäten. Das erleichtert die passgenaue Vergabe von Aufträgen“.

Man mag über den emotionslosen Management-Duktus staunen. Aber der Autor geht über die Rationalisierungen hinaus und verweist auf die zu erwartenden qualitativen Strukturveränderungen der Arbeitswelt. Das wird noch klarer, wenn man sich die Idee der IBM anschaut.

Die IBM plante 2012 in Deutschland mit dem Liquid-Programm den radikalen Stellenabbau der Kernbelegschaft um 8000 Stellen, eine Reduzierung um 40 Prozent. Stattdessen sollen Cloudworker, Freelancer, Solo-Unternehmer oder Arbeitskraft-Unternehmern eingesetzt werden, die neuen kaum unterscheidbaren Berufsbezeichnungen für freie Mitarbeiter. Über die Global Talent-Cloud können sie sich weltweit bewerben und präsentieren. Sie werden von IBM zertifiziert. Bewertungen aus früheren Arbeitsbeziehungen gehen mit ein.

Das Spektrum dürfte dann zwischen „Fünf-Sterne-Jobber“ und „Nullnummer“ liegen. Die ausgewählten Arbeitskräfte erhalten internationale Arbeitsverträge. So muss IBM sich nicht mehr an den Löhnen der Hochlohnländer orientieren.

Konkret hat sich IBM vier unterschiedliche Arbeitsmodelle ausgedacht: Bei der Auction formuliert IBM Arbeitseinheiten, zertifizierte Freelancer geben ihre Preisangebote ab. Die Bid steht für ausformulierte Arbeitseinheiten zu einem festen Preis, interessierte Freelancer melden sich, IBM wählt aus. Auch beim Contest formuliert IBM Arbeitseinheiten, verbindet diese aber mit einem Wettbewerb, an dem zertifizierte Freelancer teilnehmen können. Die IBM bestimmt den Sieger mit einem Award, wobei nur dieser die volle Prämie erhält. Beim Partnership schließlich machen zertifizierte Freelancer als einzelne oder Gruppe ein Dienstleistungsangebot, die IBM behält sich die Annahme vor. Die Leistungsdaten der Freelancer werden fortlaufend erfasst und zum Integrierten Digitalen Reputations-Index kondensiert.

Irgendwie hat man den Eindruck, dass das Volk durch TV-Castingshows und Dschungelcamps schleichend an Auslese und groteske Wettkämpfe gewöhnt wurde, sodass man die IBM-Show für ganz normal halten könnte.

Im Deutschland des Betriebsverfassungsgesetzes und der Betriebsräte wird nicht jeder abenteuerliche Plan so umgesetzt, wie sich das neoliberale Sehnsüchte wünschen. Von daher dürfte der IBM-Entwurf vermutlich noch durch einige kräftige Mühlsteine abgeschliffen werden. Offensichtlich haben sich bei den Protesten innerhalb der IBM auch schon Erfolge seitens der Mitarbeiter und Betriebsräte gezeigt. Dennoch setzt Liquid für andere Manager und Unternehmen ein Zeichen, wo die Reise hingehen sollte, wenn man denn freie Hand hätte.

Die beschriebenen Voraussagen zur Zukunft der Arbeit können noch nicht zufriedenstellen. Sie gehen zum Teil etwas zu flapsig über die Berufsbiografien und Schicksale der Beschäftigtengruppen hinweg. Es sollte schärfer nachgefragt werden, was die Beschäftigten, z.B. in der Industrie 4.0 erwartet und welche Gestaltungsspielräume dort vorhanden sind? Brisant auch der Moloch der digitalen Serviceökonomie, wozu u.a. Clickworker, Callcenter-Beschäftigte, Paketfahrer zählen. Über ihre Arbeit wird wenig nachgedacht, weder in der Politik noch in den Wissenschaften, obwohl sie immer stärker zum Auffangbecken wird. Und welche „Nebenfolgen“ handeln wir uns durch die Polarisierung bei Qualifikationsanforderungen und Einkommen ein? Dazu mehr in der Ansichtssache Nr. 11 Die digitale Serviceökonomie – Abstellkammer für das neue Dienstleistungsproletariat?

Querdenker und Weltverbesserer im Schatten der Start-ups

Ansichtssache Nr. 9 von Arno Rolf

Google & Co. stehen wegen ihrer Macht und der Versuche in der Kritik, zahlreiche Branchen mit ihren unglaublich gebrauchstauglichen Innovationen zu monopolisieren: Eine von ihnen beherrschte digitale Gesellschaft sei unverträglich mit der Sozialen Marktwirtschaft, so der Vorwurf. Wenig beeindruckt davon machen Google & Co. weiter Beute mit überzeugenden Innovationen und ihren alles vereinnahmenden Spinnennetzen.

In Deutschland werden große Hoffnungen auf Start-ups gesetzt. Sie sollen mithelfen, den Prozess der Disruption der sozialen Marktwirtschaft zu stoppen und verlorenen Boden von den kalifornischen Internetkonzernen zurück  erobern.

Kaum im Fokus von Medien und Politik stehen die Internetaktivitäten der Querdenker und Weltverbesserer. Ihre Bedeutung wie ihr Beitrag für die digitale Transformation werden kaum zur Kenntnis genommen und weit unterschätzt. Ihre Power, Gesellschaft zu verändern, ist in Deutschland nicht minder stark wie die der Start-ups.

Querdenker können oft über ihr Fachwissen hinaus einen umfangreicheren Horizont einbringen. Sie besitzen häufig einen breiten Erfahrungshorizont und verfügen über flexible, unorthodoxe Denkstrukturen. Es sind manchmal Menschen mit oft ungewöhnlichen Lebenswegen. Sie passen sich weniger als andere an und drehen gern noch mal eine zusätzliche Denkschleife.

Weltverbesserer sind Menschen mit einem stark ausgeprägten moralischen Impetus. Sie gehen trotz mancher Schmähungen ihren Weg. Sie haben damit manchmal auch Erfolg, die Welt im Kleinen wie im Großen zum Besseren zu verändern. Auch große Denker, Wissenschaftler oder Autoren werden oft mit dieser Metapher belegt. Andere sehen in ihm Menschen, die sich nicht anpassen wollen, depressiv sind und alles eher negativ sehen.

Querdenker und Weltverbesserer haben durch das Internet eine mächtige Plattform bekommen. Vor allem durch die Möglichkeit, sich vernetzen zu können. Ein aktuelles Beispiel sind die Blogger von netzwerk.org, die immerhin, wenn auch ungewollt, den Generalbundesanwalt stürzen konnten.

Eine umfangreiche Auflistung der „Weltverbesserer-Communities“ im Internet findet sich unter socialbar.de. Dort werden u.a. der Wikipedia-Klon Appropedia mit „architecture for humanity“ erwähnt sowie GreenAction, die offene Mitmach-Plattform für Organisationen, Initiativen und Einzelpersonen. Bei der Kampagnen-Community kann jeder aktiv werden und eigene Kampagnen entweder schalten oder mit Umweltaktiven vernetzen. AVAAZ.ORG ist eine internationale NGO, die politische Kampagnen in allen Bereichen organisiert und durchführt. Schließlich noch das soziale Netzwerk hilfswelten.de, das sich für Projekte zur Kinder- und Altenhilfe einsetzt.

Auch Universitäten sind für junge Wissenschaftler ein geschützter Raum, wo sie für einige Zeit ihren sozialen Anliegen nachgehen können, z.B. im Bereich Ökologie und Nachhaltigkeit. Von Google & Co. ist zu diesen Themen wenig zu hören. So haben sich junge Informatiker die Frage gestellt, weshalb nur über Geschäftsprozesse und Wertschöpfungsketten gelehrt und geforscht wird, aber nicht über Schadschöpfungsketten, also über den Ausstoß von Schadstoffen und den Ressourcenverbrauch, der mit industriellen Produktionsprozessen verbunden ist. Daraus sind Softwareprogramme zur Erstellung von Ökobilanzen und Stoffstromnetzen entstanden. Die Start-up-Ausgründung setzt heute weltweite Standards für Ökobilanzen.

Der akademische Nachwuchs hat die Digitalisierung, stark vorangetrieben. Die Forschungslandschaft ist so erheblich vielfältiger geworden. Es gibt bereits viele etablierte Open-Source-Projekte. Neue Forschungspraktiken haben den Wissenschaftsprozess geöffnet. So nutzen etwa sog. Opening Science- oder Citizen Science-Projekte neue Kommunikationsformen, um ihre Erkenntnisse „unters Volk zu bringen“.

Man kann natürlich über die Motive der Querdenker und Weltverbesserer lange diskutieren. Der MIT-Wissenschaftler Ethan Zuckerman (Spaß am Zerstören, SZ 22.7.15) vermutet, dass diese, aus welchen Gründen auch immer, Institutionen und Politik ablehnen. Und sie wollen auch nicht für Google & Co. oder Banken arbeiten, sondern deren Macht angreifen. Mit ihrer informationstechnischen Kompetenz versuchen sie gegen Machtverdichtung oder die Verletzung von Persönlichkeitsrechten anzukämpfen. Die Option zur Wahl zu gehen, so Zuckerman, ist für junge Querdenker und Weltverbesserer dagegen von geringer Attraktivität.

Es mag ein möglicher Weg sein, mit dem Frust über den Verlauf der Digitalisierung umzugehen. Zu erinnern ist daran, dass politische Einflussnahme in der digitalen Gesellschaft mindestens drei Optionen kennt: Man kann wählen gehen, oder zweitens beispielweise gegen die Verletzung der Privatsphäre demonstrieren, oder schließlich seine informationstechnische Kompetenz einsetzen, um Tools zu programmieren und zu verbreiten, wie etwa die Verschlüsselungssoftware Tor. Alle Optionen brauchen eine demokratische Gesellschaft mit funktionierenden Institutionen: aber auch Demos für bessere Datenschutzgesetze sowie hilfreiche Softwaretools, um etwa Mails zu schützen.

Es macht keinen Sinn, Institution grundsätzlich abzulehnen und sie zu bekämpfen. Querdenker und Weltverbesserer mit ihren Aktivitäten können neue Wege weisen, die auf Machtkonzentrationen und Defizite hinweisen und sie können bessere, meist technische Alternativen anbieten.

Ohne Institutionen ist es aussichtslos, Internetmonopolisten in die Schranken zu weisen. Zurecht weist der Verfassungrechtler Michael Meyer-Resente daraufhin: „Google fürchtet sich erheblich weniger vor Netzaktivisten als vor der Europäischen Kommission, die versucht, Machtkonzentration zu unterbinden“ (Ohne Institutionen keine Demokratie, SZ 31.7.15).

Bei der vorliegenden, etwas anspruchsvolleren Ansichtssache sollte hängenbleiben sein: Start-ups stehen stark im Scheinwerferlicht. Tatsächlich haben die im Schatten werkelnden Querdenker & Weltverbesserer für die digitale Transformation ein nicht minder großes gesellschaftliches Veränderungspotenzial. Ihre Aktivitäten schauen oft wie zarte Pflänzchen aus dem Boden, sie benötigen oft eine längere Reifezeit. Sie werden natürlich auch deshalb gern übersehen, weil sie nicht mit dem herrschenden ökonomischen Mainstream übereinstimmen, oft unbequeme Frage stellen. Von den Förderinstitutionen werden sie nicht gerade gepäppelt.

Die zurückliegenden Ansichtssachen haben sich mit wichtigen Playern der digitalen Transformation beschäftigt: Es wurde auf Google & Co, die EU-Kommission und die Monopolkommission sowie auf Start-ups und Querdenker & Weltverbesserer eingegangen. Offengeblieben sind die „Nebenfolgen“ der digitalen Transformation für die Zukunft der Arbeit und den Arbeitsmarkt. Ein sehr kontroverses Thema wie sich in der Ansichtssache 10 herausstellen wird.