Start-ups, unsere Trüffelschweine für digitale Innovationen?

Ansichtssache Nr. 8 von Arno Rolf

Start-ups gelten heute als die Impulsgeber und Schöpfer von Innovationen. Unternehmen scheinen aufgrund ihrer Hierarchien im Zeitalter der digitalen Transformation dafür nicht besonders geeignet zu sein. Sie hinken hinterher. Die Tüftler in den Start-ups sind heute in der Rolle der „Trüffelschweine“ der digitalen Transformation.

Politik und Medien setzen große Hoffnungen auf Start-ups. Sie sollen die Rolle des Wachstumsmotors übernehmen und wie in Kalifornien wettbewerbsfähige Produkte und Dienstleistungen schaffen. Zugleich verspricht man sich innovative Arbeitsplätze. Start-ups sind bei der jungen Generation absoluter Lifestyle. Sie werden zuweilen mit der Botschaft hochgejazzt, dass auch in Deutschland neue Silicon Valley entstehen können, wenn nur viele junge Leute mitmachen.

Die Akteure in Start-ups sind zumeist gut ausgebildet. Laut einer Umfrage des deutschen Start-up-Verbandes haben 42 Prozent der Hamburger Gründer ein Wirtschaftsfach studiert, 12 Prozent Informatik oder Mathematik und weniger als etwa acht Prozent sind Ingenieure. Gemeinsam ist ihnen, dass sie eine Idee leidenschaftlich verfolgen, die sie in überschaubaren Projekten realisieren wollen. Sie verspüren wenig Lust, in Hierarchien unterzugehen.

Die große Begeisterung der Start-up-Beschäftigten für ihr Projekt geht oft einher mit der Vernachlässigung, sich zur Berücksichtigung ihrer Interessen zu organisieren. Sie sind selten in Berufsverbänden, Gewerkschaften oder Genossenschaften organisiert. Sie sind häufig arbeitsrechtlich „vogelfrei“, ohne eigentlich selbstverständliche Rechte. In Start-ups sind die Hierarchien flach und wohlklingende Titel schnell vergeben. Manche hoffen auf den großen Investor, der mit dem Geldkoffer durch die Tür tritt. Einige Dollar-Mrd.-Geschäfte wie die Verkäufe von Nest an Google oder What´s App an Facebook verbreiten diese Hoffnung. Sie werden für alle zur Bewunderung ins globale Medien-Schaufenster gestellt.

Viele Start-ups sehen ihren Job darin, die Schnittstelle zwischen den Geschäftsprozessen der Unternehmen und den Smartphones der Konsumenten zu verbinden. Es geht darum, Services zu entwickeln, die die Produkte und Dienstleitungen der Unternehmen über Apps auf Smartphones oder Tablets bringen, damit die Nutzer bequem und komfortabel ihre Konsumwünsche realisieren können. Es ist das Großprojekt, vor dem alle Unternehmen stehen, die „alte“ Ökonomie in die digitale Transformation zu überführen. Ein zweites Feld sind die Essenslieferdienste. Sind die Unternehmen der „alten“ Ökonomie mit der Digitalisierung zögerlich, so wird es sie bald nicht mehr geben, weil andere, oft Google, Apple, Facebook & Co. das Geschäft übernehmen. Anschauungsunterricht für existentielle Kämpfe liefern in diesen Tagen Banken mit Fintech-Aktivitäten, Versicherungen, das Taxigewerbe und zahlreiche weitere Branchen.

Die Start-up-Szene wird in Deutschland durch öffentliche Förderprogramme unterstützt. So erhielten beispielsweise 55 Prozent der Berliner Startups während der Gründung Mittel von einem öffentlichen Geldgeber. In den USA gibt es das nicht, dafür aber eine professionelle Wagniskapital-Umgebung.

Die heutige Realität sieht leider so aus, dass 11 von 12 Startups scheitern, sie die ersten drei Jahre nicht überleben und sich in dieser Zeit oft als Kümmerexistenzen verdingen müssen (http://www.gruenderszene.de/allgemein/warum-startups-scheitern). Natürlich gibt es in Deutschland auch erfolgreiche Start-ups, insbesondere in der Gamebranche.

Warum scheitern so viele Projekte? Ist die Wagniskapitalfinanzierung in Deutschland zu schwach bzw. ohne den nötigen langen Atem? Werden die Start-ups in Deutschland nach der Förderphase zu schnell allein gelassen und reicht es deshalb kaum zur Internationalisierung? Reichen die bestehenden Beratungsleistungen, die Business Angels, die Inkubatoren und Acceleratoren sowie die Angebote, die das finanzielle Überleben sichern, aus? Offensichtlich scheitern zu viele gut ausgebildete junge Leute. Die Aussage, Scheitern sei ein gutes Training fürs Leben, ist zynisch.

Man muss auch genauer hinschauen, was bei den Start-ups eigentlich unter Innovationen verstanden wird. Zweifelsohne ist es wichtig, die digitale Transformation der „alten“ Branchen voranzubringen. Dort geht es vorwiegend um Innovationen im Business-to-Consumer-Bereich (B2C). Das allein sind sicherlich nicht die Innovationen, die Deutschland im globalen Wettbewerb mit Silicon Valley voranbringen.

Die relevanten technischen Innovationen werden auch heute noch überwiegend in Hochschulen und von großen Unternehmen realisiert und finanziert. Hier vor allem könnten die Start-ups mit gut ausgebildeten Absolventen die Brückenfunktion zur Anwendung übernehmen. Der agile Nachwuchs sollte vor allem für diesen Bereich qualifiziert und angeregt werden, Start-ups zu gründen. Denn die Anzahl der Start-ups, die sich an die für Deutschland so wichtigen Zukunftsfelder Internet der Dinge, Smart Factory, Industrie 4.0, Smart City, E-Health heranwagt, ist heute noch sehr überschaubar. Bei der Industrie 4.0 geht es immerhin um den Erhalt der Weltmarktposition des deutschen Maschinenbaus.

Manche sprechen von der Start-up-Szene wegen der vielen Misserfolge schon von einer „Cloud der Illusionen“. Richtig ist wohl, dass Silicon Valley eine ganz andere Geschichte hat, die nicht kopiert werden kann. Deutschland muss eine eigene Geschichte entwickeln und erzählen können, ohne den Mühlstein Silicon Valley am Hals. Ideen dafür finden sich in den genannten Zukunftsfeldern, in denen die deutsche Industrie immer schon stark war.

Start-ups stehen im Scheinwerferlicht der Medien, die Internetaktivitäten von Querdenkern und Weltverbesserern dagegen im Schatten. Ihre Rolle für Gesellschaft und Politik wird unterschätzt. Deshalb wird es  in der Ansichtssache 9 um diese Gruppe gehen.

Die digitalen Irrtümer der Monopolkommission

Ansichtssache Nr. 7 von Arno Rolf

Zwischen dem Präsidenten der Monopolkommission Daniel Zimmer und den EU-Kommissaren Margreth Verstager und Günther Oettinger gibt es über den Umgang mit Google & Co. einen grundlegenden Konflikt. 

Die EU will in einem formellen Verfahren gegen Google vorgehen. Der Vorwurf lautet, Google rücke in seiner Suchmaschine eigene Produkte nach vorne, was die Konkurrenten benachteilige. Günther Oettinger will die Marktmacht von Google, Facebook & Co. unter die Lupe nehmen. Googles Verhalten verstoße gegen das EU-Kartellrecht, es behindere den Wettbewerb.

Daniel Zimmer, Chef der Monopolkommission ist da ganz anderer Meinung (Spiegel-Interview, 20/2015). Er sieht eine Ursache für die Stärke der kalifornischen Internetkonzerne in der Überregulierung deutscher Unternehmen. Monopole bei digitalen Diensten sind für ihn das Ergebnis normalen Marktgeschehens. Das sei aber gar nicht so schlecht, denn solange Monopolrenditen winken würden, würde das Erfindergeist und Innovationen kräftig pushen.

Wenn sich diese Auffassung durchsetzt, dann können die EU-Wettbewerbskommissare Verstager und Oettinger ihre Arbeit einstellen. Im Übrigen, so Daniel Zimmer, sei kein Monopol von Dauer.

Unstreitig scheint zu sein, dass Internetkonzerne heute in der Lage sind, Monopole zu errichten, Wettbewerb auszuschließen und immer mehr Bereiche auch der „alten“ Ökonomie und Lebenswelt zu besetzen.

Was aber ist mit dem Argument von Daniel Zimmer, Monopole halten ja eh nicht ewig? Auch digitale Monopole, so hört man häufig, werden irgendwann von anderen mit einer besseren Idee vom Sockel gestoßen. Die Metapher disruptive innovations gelte auch für die, die gerade auf dem Podest stehen. Als Belege werden dann gerne Nokia, IBM und Microsoft genannt.

Wäre es so, dann hätten wir es in der Folge wahrscheinlich mit einem anderen noch mächtigeren Spinnennetz zu tun. Es mag auch sein, dass das ein oder andere Geschäftsmodell von Google, Facebook, Apple & Co durch eine bessere Innovation eines Newcomers zerstört wird. Ein Spinnennetz hält das aus. Denn anders als IBM und Microsoft, die IT-Monopole zwar innehatten, aber mit ihrer Technik nicht ganze Branchen beherrschen konnten, sind Google & Co. bereits in alle Poren der globalen Ökonomie eingedrungen und weiter auf dem Vormarsch, zahlreiche Branchen in Monopole zu verwandeln. Es macht einen Unterschied, ob ich Rechner und Software vertreibe, die von vielen Branchen zur Automation eingesetzt werden oder ob ich mit meinen Produkten diese Branchen nach und nach beherrsche.

Und wie ist es mit der Meinung Zimmers bestellt, die Ursache für die Stärke der kalifornischen Internetkonzerne liege in der Überregulierung deutscher Unternehmen? Politiker sind, wie viele andere auch, vom Mythos Silicon Valley fasziniert. Sie unternehmen große Anstrengungen, dieses kontinuierlich gewachsene Innovationsmillieu durch Forschungsförderung „nachzubauen“.

Doch die Geschichte von Silicon Valley als Treibhaus für weltweite Innovationen ist tatsächlich viel komplexer. Schon in den dreißiger Jahren entstand dort der „Stanford Industrial Park“. Nach erfolgreichen Projekten, u.a. durch William Hewlett und David Packard im Jahre 1938, begann die Rüstungsindustrie und das amerikanische Verteidigungsministerium Forschungszentren im Silicon Valley einzurichten. Ihren Namen erhielt die Region durch die Herstellung von Transistoren auf Basis des Halbleiters Silizium („Silicon“) durch William Shockley und die Firma Lockheed.

Um den Nucleus der Universität Standford versammelten sich seit Ende der 60er Jahre nicht nur die amerikanische Rüstungsindustrie, sondern auch Tüftler und Frickler. Talente aus der ganzen Welt fühlten sich angezogen, wahrscheinlich auch durch den Schmelztiegel von Leuten der Hippie-Generation. Einige von ihnen hatten den Ehrgeiz, einen Computer als Werkzeug für ihre Bedürfnisse zu entwickeln. Dieses Potential war für Militärs, etablierte IT-Unternehmen und bald auch für Investmentfonds und anlagesuchende Millionäre hoch attraktiv. So konnte ein Schmelztiegel aus Talenten, Dollar-Mrd. und Internetgiganten entstehen. In vielen Ländern wurde erfolglos versucht, das zu kopieren. Heute residieren dort die Internetkonzerne und bestimmen von diesem Tal aus den Lauf der digitalen Transformation. Sie haben eine große Routine darin entwickelt, jedes innovative Pflänzchen mit ihren Dollar-Mrd. in ihren blühenden Garten umzutopfen. Diese Dollar-Mrd. machen das Zehnfache der privaten europäischen Töpfe aus.

Die Argumente Zimmers, die Stärke der kalifornischen Internetkonzerne liege in der Überregulierung deutscher Unternehmen sowie kein Monopol sei von Dauer, greifen da arg kurz.

Das Internet besteht nun allerdings nicht nur aus den Monopolisten Google, Facebook & Co., über deren Herrschaftsansprüche sich die EU-Kommissare zurecht Gedanken machen. In deren Windschatten segeln viele Start-ups. Anlass sich mit ihren Motiven, Hoffnungen und Chancen in der Ansichtssache 8 zu beschäftigen und zu fragen, ob sie in Deutschland die Rolle die „Trüffelschweine“ der digitalen Innovationen übernehmen können?

„Sterntaler“ für Google, Facebook & Co.

Ansichtssache Nr. 6 von Arno Rolf

Den Internetkonzernen Google, Facebook, Apple & Co. fallen nebenbei und ohne ihr Zutun „Sterntaler in den Schoß“, heute Big Data genannt.

Die Taler der Internetgiganten sind Namen, Adressen, Kreditkartennummern, Konsumgewohnheiten, Beziehungen, private Netzwerke und vieles mehr, die Nutzer bei der Internetnutzung hinterlassen. All diese Datenquellen können zur Profilbildung der Nutzer verdichtet werden. Ihr Verhalten wird so einschätzbar und steuerbar. Damit verfügen die Konzerne über eine erhebliche Macht, das Konsumverhalten zu manipulieren. Wer garantiert, dass sie hier haltmachen und nicht politische und gesellschaftliche Einstellungen beeinflussen werden?

Sollten staatliche Stellen in Deutschland über dieses Datenfüllhorn verfügen, quasi im Besitz unserer digitalen Identität sein, ein Volks- zumindest ein Medienaufstand stünde an. Mit amerikanischen Internetkonzernen ist man da als Nutzer offensichtlich nachsichtiger.

Über die Suchmaschine werden für Google viele kommerzielle Aktivitäten wie das Verhalten der Konsumenten transparent. So lassen sich auch erfolgreiche Geschäftsmodelle Dritter identifizieren und konkurrierende Modelle etablieren. Zu Googles Strategie gehört, die Suchergebnisse für ihre Produkte auf Seite eins zu platzieren. Über die Suchmaschine identifizierte attraktive Geschäftsmodelle Dritter können so entweder aufgekauft werden oder es wird versucht, Wettbewerber mithilfe des angesammelten Datenschatzes gar nicht erst nach oben, d.h. auf die attraktiven Seiten kommen zu lassen. Wen wundert es da, wenn der Mitbewerber dann in der Suchmaschine im Orkus der Unendlichkeit verschwindet und quasi virtuell aufhört zu existieren? Auch Amazon und Facebook besitzen vergleichbare Möglichkeiten.

Innovative Unternehmen werden auf diese Weise ins Abseits gedrängt und am Überleben gehindert. Innovationen werden behindert und Verbraucher irregeführt.

Dieses alles zusammen mit dem Geburtsfehler des „Ich-gebe-euch-meine-Daten-und-alles-ist-für-mich-umsonst-Mentalität“ konnten die Internetkonzerne ihre Dominanz entwickeln. Neue Geschäftsmodelle, Produkte und spezielle Plattformen, die für die Nutzer über Apps mit einem Höchstmaß an Bequemlichkeit und Komfort abrufbar sind, machen es den traditionellen Branchen schwer zu überleben.

Google, Facebook, Apple & Co. wird die Zukunft gehören: Mit der Verfügung über unsere Daten sind sie im Besitz der Ressource, aus der zukunftsfähige digitale Geschäftsmodelle kreiert werden können. Dieser Datenschatz ist die Basis, neue gebrauchstaugliche Bedürfnisse und Strategien auszuhecken, um neue Märkte zu etablieren und die „alte“ Ökonomie nach und nach in die Bredouille zu bringen.

Die kalifornischen Internetkonzerne sind bislang so vorgegangen, um ihre Spinnennetze zu weben: Sie haben  zahlreiche Dienste und Produkte um ihr jeweiliges „Quellprodukt“ herum entwickelt oder zugekauft: So Apple mit Tablets, Smartphones, iOS-Betriebssystem und dem Appstore; Amazon u.a. mit der Ausweitung seiner Angebotspalette auf Rechenzentren und den Kindle eReader; Google u.a. mit dem Android-Betriebssystem und Kartendiensten; Facebook, u.a. mit dem Foto- und Video-Sharing-Dienst Instagram und dem Messenger WhatsApp. Auf diese Strategie werden sie auch in Zukunft setzen.

Neue Produkte werden um diese Kerne herum entwickelt, zugekauft oder von Konkurrenten aufgrund des vorhandenen Datenschatzes einverleibt.  Erfolgversprechende Start-ups werden „assoziiert“, d.h. sie binden ihre Arbeit und ihr Schicksal an die Erzählung von Google, Facebook & Co.. Allianzen mit interessanten Playern, z.B. in der Automobilindustrie werden eingegangen, um in die „alte“ Ökonomie vorzudringen. Umgekehrt suchen die Unternehmen der „alten“ Ökonomie Kooperationen, um nicht von der Digitalisierung abgehängt zu werden. Permanente Eigenentwicklungen runden die Strategie ab.  All das zu dem Zweck, über das ursprüngliche Geschäftsmodell hinaus, mit neuen Produkten und Dienstleistungen nach und nach in viele Branchen und in gewachsene ökonomische Strukturen einzudringen. Das Ziel ist, durch überlegene digitale Angebote, die mehr Komfort und Bequemlichkeit anbieten, globale Monopole zu errichten.

Der Wettbewerb auf einem Markt wandelt sich so durch Google & Co.  zu einem Wettbewerb um einen Markt. Netzwerkeffekte und Synergien der Internetkonzerne erlauben laut Monopolkommission Hebeleffekte mit „Übertragung der Marktposition von einem beherrschten Markt auf andere beherrschte Märkte“. Der Vorsitzende der Monopolkommission Daniel Zimmer vertritt die Auffassung, dass viele digitale Unternehmen eine Tendenz zum Monopol haben. Das sei aber gar nicht so schlecht, denn solange Monopolrenditen winken würden, würde das Erfindergeist und Innovationen kräftig pushen. Auch der deutsch-kalifornische Investor und Milliardär Peter Thiel reist mit dieser Message um die Welt und begeistert damit viele Start-up-Gründer. Im Übrigen würde, so der Präsident der Monopolkommission, „kein Monopol von Dauer sein“. Ob er da nicht einer riskanten Illusion unterliegt? Dazu mehr in der Ansichtssache 7.