Der Kern der neuen Plattform-Ökonomie

 Ansichtssache Nr. 4 von Arno Rolf

Das ökonomische Grundprinzip der Digitalisierung ist recht banal: Zwischen unendlich viele Anbieter und viele Nachfrager schiebt sich eine digitale Vermittlungsplattform. Sie bringt über das Internet beliebig viele Interessenten zeitnah und ortsunabhängig zusammen.

So bündelt der Internetkonzern Amazon eine Vielzahl von Anbietern mit seinen Angeboten und bietet sie Nachfragern auf seiner Plattform an. Facebook vermittelt den Austausch von Informationen zwischen unendlich vielen Akteuren. Google strukturiert mit seiner Suchmaschine (scheinbar) alle Informationen dieser Welt und macht sie Nachfragern zugänglich.

Dieses Grundprinzip ist auf viele ökonomische Bereiche übertragbar: Die Online-Reinigungsdienste Putzfee, Hepling oder Book a Tiger versuchen die vielen, bislang unorganisierten Putzfrauen über ein Internet-Portal mit Privatkunden zusammenzubringen. Das gleiche Prinzip lässt sich auf die Organisation zahlreicher anderer Akteure übertragen: Vermittlung von Kinder- und Seniorenbetreuung, Nachhilfeunterricht, Hotelzimmer, Transportmöglichkeiten, Crowdfunding oder Dating- und Single-Portale wie Parship etc. Sie bringen Akteure mit dem gleichen Anliegen mehr oder minder erfolgreich zusammen.

So steht der stark ins Gerede gekommene Taxidienst Uber für die Vermittlung privater Objekte (Autos) mit einer Dienstleistung durch Privatfahrer. Bei Airbnb geht es um die Vermittlung privater, immobiler Objekte (Privatzimmer oder -wohnungen) mit geringer Dienstleistung. Die Hotelreservierungssysteme HRS oder booking.com stehen für Preisvergleiche und die Vermittlung von immobilen professionellen Objekten (Hotelzimmer) mit Dienstleistungen.

Preisvergleichsportale wie check 24, die Transparenz über konkurrierende Produkte herstellen, beispielsweise Versicherungen oder Flugreisen, quetschen sich mit ihrem Geschäftsmodell, zwischen bereits bestehende Plattformen. Sie erzeugen damit für Nutzer den Mehrwert, indem sie die jeweils günstigsten Konditionen identifizieren. Vom Anbieter kassieren die Portale für jede Vermittlung eine Provision.

Alle hier angesprochenen Plattformen funktionieren so und machen damit vielen Akteuren der „alten“ Ökonomie das Leben schwer. Die Vermittlung von Dienstleistungen und Produkten über Internet und Smartphone lässt sich auf so gut wie alle Branchen der „alten“ Ökonomie übertragen. Darin liegt die Brisanz für „Alt-Unternehmen“ und Beschäftigte.

Auf der Warteliste der Plattform-Ökonomie stehen Versicherungen, Banken und Sparkassen mit ihren elektronischen Zahlungssystemen. Die Frage ist noch offen, ob die angestammten Unternehmen den Übergang zur digitalen Plattform-Ökonomie selber schaffen, neue Player auftreten oder ob die kalifornischen Internetkonzerne wie Google & Co. mit ihren Erfahrungen und Finanzmitteln das Feld zu ihren Gunsten „arrondieren“ werden. Das Ziel der kalifornischen Plattformen ist es, viele Branchen zu beherrschen, um dort die Konditionen im Markt setzen zu können.

Bislang waren überwiegend branchenfremde Dritte die Gründer von Plattformen, beispielsweise war es so bei den Hotelreservierungssystemen HRS und booking.com. Schnell konnten sie die „alte“ Ökonomie beherrschen, weil sie die Konditionen hinsichtlich Provision und „best-prize-Klauseln“ setzen konnten. Die Hotels können das in der Regel nur akzeptieren, wollen sie nicht das Risiko eingehen, unsichtbar für die Masse der mittlerweile internetaffinen Kunden zu werden.

Weshalb haben Branchenverbände, deren Aufgabe darin besteht, Marktentwicklungen auf ihrem Schirm zu haben, hier versagt? Sie haben sich vermutlich auf ihre Lobbyaufgaben konzentriert. Sie sind auch weit davon entfernt, die Welt der digitalen Innovationen mit ihrem zerstörerischen Potenzial zu verstehen. Hinzu kommt, dass Branchenverbände zeithemmende Hierarchien zu überwinden haben, bevor Entscheidungen getroffen und Ideen umgesetzt werden können, ein typisches Merkmal der „alten“ Ökonomie.

Uber, Airbnb & Co. respektieren die Regulierungen der „alten“ Ökonomie nicht. Sobald ihre Softwarelösungen ausgewildert sind, entwickeln diese eine gesellschaftliche Eigendynamik, schneller als Branchenverbände denken und handeln können. Sie tauchen erst auf dem Radar der Verbände auf, wenn es zu spät ist. Durch die schnelle Verbreitung über den App-Store gibt es auch keine Inkubationszeit.

Für Branchenverbände wie für viele Unternehmen der „alten“ Ökonomie scheint der Zug mittlerweile abgefahren zu sein. Für sie wie für digitale Nachzügler gilt in der digitalen Plattform-Ökonomie: Nicht der Stärkere schlägt den Schwächeren, sondern der Schnellere den Langsamen. Mit der digitalen Vermittlungsplattform ist zwar ein Kernstück der Plattform-Ökonomie angesprochen. Einige Merkmale sind jedoch noch hinzuzufügen, um das Wesen der digitalen Transformation vollständig zu verstehen. Dazu mehr in der Ansichtssache Nr. 5.

 

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>